Latein war eines meiner Lieblingsfächer & hat meinen Horizont sehr erweitert. Gerade für Schüler*innen ohne bildungsbürgerliche Habitus profitieren kulturkapitalistisch vom Latein-Unterricht, denn das gilt immer noch als Positiv-Marker. https://t.co/7vpPeH1sWa— Christina Dongowski (@TiniDo) August 27, 2019
Der Grund dafür ist natürlich nicht der Umstand, daß jemand mehr Spaß im Lateinunterricht hatte als ich und ich bitte auch darum, dies nicht als Angriff auf die Autorin zu verstehen, aber dieser Tweet bringt meinen inneren Klaus Kinski zum Tanzen, da er einfach nicht meine persönliche Lebenserfahrung widerspiegelt.
Was nervt mich daran genau? Zwei Dinge.
Als jemand, der im Studium jahrelang Lateinstunden "genießen" durfte, finde die Sprache endlos überhöht. Ja, die Grammatik einiger mitteleuropäischer Sprachen läßt sich durch sie einfacher verstehen, aber erschließt sich dadurch Rumänisch, Spanisch und Französisch im Nu? Eher nicht. Wie sagte Michael Mittermaier einmal: "Ich habe bayrisches Hardcorelatinum und kann nicht mal auf Italienisch eine Pizza bestellen.". Ich habe das für mein Geschichtsstudium obligatorische Latein in meinen Übungen, Seminaren, Vorlesungen genau null Mal benötigt. Und ich bin sicher aus der Konsum von Asterixalben hätte mir ohne Latein kein bißchen weniger Spaß gemacht. Ich kann mir auch vorstellen, daß es für andere Schüler und Studenten Vorteile hätte, mit gleicher Intensität eine lebende Sprache zu lernen. Und vielleicht auch ein bißchen den an geisteswissenschaftlichen Fakultäten deutscher Hochschulen gepflegten Eurozentrismus abzulegen. Chinesisch, Persisch oder Igbo scheren sich wenig um lateinische Einflüsse. Auch wenn es Vertreter der katholische Kirche vielleicht traurig macht, daß ihre Amtssprache immer mehr an Einfluß verliert. Seine Position als Weltstandard im wissenschaftlichen Fachbetrieb hat Latein ja schon lange verloren. (Wer von Euch hätte nicht gern sein Diplom auf diese Weise mündlich verteidigt?!)
Aber das selbsternannte "klassische Bildungsbürgertum" hält gern an seinen überholten Kanon fest. Als jemand, der aus einer alles anderen als bildungsfernen, aber nicht bürgerlich-intellektuellen, Familie kommt, habe da im Wissenschaftsbetrieb einige unschöne Erfahrungen gemacht. So saß ich vor zwanzig Jahren in einem Mittelalterseminar und der Prof erzählte uns, daß drei Arten von Studierenden in seinen Lehrveranstaltungen eigentlich nicht zu suchen haben: Menschen mit Sportwissenschaften im Nebenfach, weil es kein klassische Universitätsfach sei; Studierenden aus Ostdeutschland, weil ihnen das christliche Grundverständnis fehle und Frauen, weil diese an Unis eigentlich nicht zu suchen hätten. Ich wünschte, er hätte gescherzt oder seine Aussagen hätten irgendwelche negative Konsequenzen für ihn gehabt.
Nicht nur wegen dieser Erfahrung glaube ich nicht, daß Lateinkenntnisse ein "Marker" oder sogar ein Türöffner zwischen sozialen Schranken sind. Lateinkenntnisse sind meiner Erfahrung nach eher Teil einer vom klassischen Bürgertum errichteten, schwer durchlässigen "Firewall", um ihren exklusiven Stand im Wissenschaftsbetrieb zu verteidigen. Mein Doktorvater konnte es damals gar nicht glauben, daß es Erstsemester im Politikwissenschaftsstudium (!) gäbe, die nicht wüßten, wer Botho Strauß sei. Er selbst war dann aber total überrascht, daß es Leute gab, die wüßten, wie man seine Wohnung tapezierte...








