Donnerstag, September 19, 2019

F*ck off, Bildungsbürgertum!

Ich habe mich geärgert. So richtig. Über diesen Post hier:

Der Grund dafür ist natürlich nicht der Umstand, daß jemand mehr Spaß im Lateinunterricht hatte als ich und ich bitte auch darum, dies nicht als Angriff auf die Autorin zu verstehen, aber dieser Tweet bringt meinen inneren Klaus Kinski zum Tanzen, da er einfach nicht meine persönliche Lebenserfahrung widerspiegelt.

Was nervt mich daran genau? Zwei Dinge.

Als jemand, der im Studium jahrelang Lateinstunden "genießen" durfte, finde die Sprache endlos überhöht. Ja, die Grammatik einiger mitteleuropäischer Sprachen läßt sich durch sie einfacher verstehen, aber erschließt sich dadurch Rumänisch, Spanisch und Französisch im Nu? Eher nicht. Wie sagte Michael Mittermaier einmal: "Ich habe bayrisches Hardcorelatinum und kann nicht mal auf Italienisch eine Pizza bestellen.". Ich habe das für mein Geschichtsstudium obligatorische Latein in meinen Übungen, Seminaren, Vorlesungen genau null Mal benötigt. Und ich bin sicher aus der Konsum von Asterixalben hätte mir ohne Latein kein bißchen weniger Spaß gemacht. Ich kann mir auch vorstellen, daß es für andere Schüler und Studenten Vorteile hätte, mit gleicher Intensität eine lebende Sprache zu lernen. Und vielleicht auch ein bißchen den an geisteswissenschaftlichen Fakultäten deutscher Hochschulen gepflegten Eurozentrismus abzulegen. Chinesisch, Persisch oder Igbo scheren sich wenig um lateinische Einflüsse. Auch wenn es Vertreter der katholische Kirche vielleicht traurig macht, daß ihre Amtssprache immer mehr an Einfluß verliert. Seine Position als Weltstandard im wissenschaftlichen Fachbetrieb hat Latein ja schon lange verloren. (Wer von Euch hätte nicht gern sein Diplom auf diese Weise mündlich verteidigt?!)

Aber das selbsternannte "klassische Bildungsbürgertum" hält gern an seinen überholten Kanon fest. Als jemand, der aus einer alles anderen als bildungsfernen, aber nicht bürgerlich-intellektuellen, Familie kommt, habe da im Wissenschaftsbetrieb einige unschöne Erfahrungen gemacht. So saß ich vor zwanzig Jahren in einem Mittelalterseminar und der Prof erzählte uns, daß drei Arten von Studierenden in seinen Lehrveranstaltungen eigentlich nicht zu suchen haben: Menschen mit Sportwissenschaften im Nebenfach, weil es kein klassische Universitätsfach sei; Studierenden aus Ostdeutschland, weil ihnen das christliche Grundverständnis fehle und Frauen, weil diese an Unis eigentlich nicht zu suchen hätten. Ich wünschte, er hätte gescherzt oder seine Aussagen hätten irgendwelche negative Konsequenzen für ihn gehabt.

Nicht nur wegen dieser Erfahrung glaube ich nicht, daß Lateinkenntnisse ein "Marker" oder sogar ein Türöffner zwischen sozialen Schranken sind. Lateinkenntnisse sind meiner Erfahrung nach eher Teil einer vom klassischen Bürgertum errichteten, schwer durchlässigen "Firewall", um ihren exklusiven Stand im Wissenschaftsbetrieb zu verteidigen. Mein Doktorvater konnte es damals gar nicht glauben, daß es Erstsemester im Politikwissenschaftsstudium (!) gäbe, die nicht wüßten, wer Botho Strauß sei. Er selbst war dann aber total überrascht, daß es Leute gab, die wüßten, wie man seine Wohnung tapezierte...

Mittwoch, Juli 24, 2019

Die Mondlandung von Apollo 11 im Spiegel von DDR-Zeitungen

Der medialen Berichterstattung zum 50. Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung im Juli 1969 kann man momentan kaum entkommen. (So ein erdnaher Himmelskörper ohne Donald Trump, Boris Johnson und Michael Wendler hat halt trotz fehlender Vegetation und atembare Atmosphäre eine gewisse Attraktivität.)

Besonders erwähnen möchte hier im deutschsprachigen Bereich nur die tollen Tweets von DLR_next, die Doku "Die Eroberung des Mondes" auf Arte und ein ausführliches Dossier vom Deutschlandfunk.

Das große Interesse an diesem Thema zeigt, welch' einschneidendes Erlebnis die erste Reise zum Erdrabanten für viele Zeitgenossen war, wie man z.B. auch dem Artikel "Der Fernseher lief 28 Stunden durch" auf ZEIT.de entnehmen kann. (Der Beitrag unserer Generation zum technischen Fortschritt beschränkt sich momentan noch auf Instagram und den Thermomix.)

Auch der MDR widmete dem Jubiläum einen kleinen Artikel, denn natürlich wurde die Mondlandung in der DDR anders bewertet als in Westeuropa. Anlaß genug für mich, mir mal die Presseberichterstattung in der DDR über das Ereignis des Jahres 1969 anzuschauen. Dies kann  natürlich nicht auf dem Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit erfolgen, ein Blick in die Originalquellen Neues Deutschland, Berliner Zeitung und Neue Zeit, bereitgestellt von der Staatsbibliothek zu Berlin, erlaubt aber einen ersten Eindruck, den die Fachkollegen gern falsifizieren dürfen.

Die Mondlandung - nach dem Start des Sputnik und dem Flug von Jury Gagarin der dritte, frühe Höhepunkt des jungen Weltraumzeitalters - findet in allen drei Zeitung an prominenter Stelle statt: Auf den Titelseiten am 21. bzw. 22. Juli 1969 - die Neue Zeit erschien am Montag nicht - wurde über das Ereignis berichtet. ND und BZ vermelden in Überschrift und Artikel nüchtern und fast wortgleich: "Apollo-Mondfähre auf Erdtrabanten gelandet" (ND) bzw, "Mit Apollo-Fähre auf dem Mond gelandet" (BZ). In der "Neuen Zeit" heißt es am nächsten Tag etwas euphorischer "Erste Menschen auf dem Mond".

Im direkten zeitlichen Kontext findet in der Berichterstattung zur Mondlandung keine Herabsetzung oder Relativierung der Leistungen der NASA statt, wie man vielleicht in Hochzeiten des Kalten Krieges vermuten mag. Allerdings wird die Platzierung des Themas an zweiter Stelle, nach dem 25. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik Polen, der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedeutung des Ereignisses nicht gerecht. Gerade auch im Vergleich zur Berichterstattung zum Flug von Juri Gagarin acht Jahre zuvor.

1961 war für die Leistungen der sowjetischen Ingenieure die Titelseiten reserviert worden. Zudem fanden sich zahlreiche propagandistische Slogans wie "Triumph im Weltraum - Sieg des Kommunismus" darauf. 
Auffällig bei der Berichterstattung über Apollo 11 ist auch, daß im Gegenzug und teilweise prominenter positioniert, auch über Luna 15 berichtet wurde.

BZ vom 21.07.69, Seite 1.

Im Vorfeld der Landung wurden noch sehr unterschiedliche Töne angeschlagen. Im Mai hieß es in der Neuen Zeit (Ausgabe vom 28.05.69, Seite 1ff) über die Vorgängermission Apollo 10 sehr positiv:

„Der erfolgreiche Flug des bemannten amerikanischen Raumschiffs "Apollo 10" auf der Trasse Erde - Mond - Erde ist ein großes Ereignis in der Geschichte der Raumfahrt." Das erklärte der bekannte sowjetische Spezialist auf dem Gebiet der kosmischen Biologie Akademiemitglied Wassili Parin. Der Flug habe insbesondere die Zuverlässigkeit der Lebenssicherungssysteme bei bemannten Flügen von der Erde zum Mond und zurück demonstriert.
 „Ich hoffe, daß die kosmische Biologie bei der Auswertung der Daten des ganzen Fluges viele Aufschlüsse  erhalten wird. Mich persönlich hat der Mut der amerikanischen Kosmonauten tief beeindruckt, die sogar schwierige Situationen mit Humor meisterten. Beeindruckend ist auch die Präzision, mit der alle Manöver ausgeführt wurden, die zur Durchführung dieses komplizierten Experiments notwendig waren", sagte Parin."
Im Neuen Deutschland vom 20. Juli 1969 hatte auf Seite 2 hingegen eine Relativierung der Leistungen der NASA-Ingenieure stattgefunden, indem man die besondere Rolle von Juri Kondratjuk und seiner Grundlagenforschung unterstrich.



Allerdings war der Ton zehn Jahre zuvor noch viel, viel schärfer, wie die zwei nachfolgenden Beispiele zeigen:

Berliner Zeitung, 15.09.59, Seite 2.

"Mit Hysterie und Propaganda suchen die USA ihren Weg in den Weltraum. Die echten, dauerhaften Leistungen aber sind unbestritten bei denen, die. ungestört und unbeschwert durch solche Erscheinungen, am Fortschritt der Wissenschaft und damit am Fortschritt der Menschheit arbeiten können, die ständig neue ökonomische und wissenschaftliche Taten vollbringen, die Taten und Zeugnisse des Sozialismus sind, weil nur dieser die Basis für wahrhaft schöpferische Arbeit gibt. Wir dürfen stolz darauf sein, mit zu den Erbauern dieser neuen Welt zu gehören." - Neue Zeit, 14.10.58, Seite 1. 

1969 war dann der Kommentar zum eigentlichen Ereignis nüchtern verfaßt und hätte auch aus einer westdeutschen Publikation stammen können:

Neue Zeit, 22.07.69, Seite 2.

Erst in den Folgetagen kehrten die Zeitungen der DDR vermehrt zu propagandistischeren Tönen - etwa mit Schlagzeilen wie "Mondlandung kann inhumane Politik nicht verdecken", ND, 24.07.69, Seite 2 und "Krisengeschüttelte USA brauchten den Erfolg", ND vom 23.07.69, S.2 - zurück.

Dienstag, Juli 02, 2019

Arte.tv Empfehlungen Juli 2019

Das Arte-Programm ist im Juli pickepacke voll mit tollen Sendungen, hier meine Empfehlungen.

03.07. 20:15 Uhr
Mr. Holmes 
Spielfilm mit Ian McKellen

05.07. 21:45 Uhr
John und Yoko
Dokumentation

06.07. 20:15 Uhr
Ozeanriesen
Dokumentation 

08.07. 20:15 Uhr
Philadelphia
Drama mit Tom Hanks und Denzel Washington

16.07. 20:15 Uhr
Die Eroberung des Mondes 
3-teilige Dokumentation 

17.07. 14:00 Uhr
Die Akte Grüninger
Drama um einen Schweizer Grenzbeamten, der jüdischen Flüchtlingen hilft

19.07. 21:45 Uhr
Amy
Dokumentation 

21.07. 22:10 Uhr
Jack Nickelson - Einer flog über Hollywood
Dokumentation

23.07. 22:05 Uhr
D-Mark, Einheit, Vaterland: Das schwierige Erbe der Treuhand
Dokumentation

24.07. 20:15
Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt
Verfilmung des Romans von Sven Regener

30.07. 22:45 Uhr
Rachels Rettungsduens: Ultraorthodoxe Jüdinnen im Einsatz
Dokumentation über etwas andere Feministinnen