Donnerstag, Januar 31, 2019

Herr Broders Worte und mein Senf

Henryk M. Broder hat sich nicht nur Alice Weidel umarmend ablichten lassen, sondern auch vor der AfD eine Rede gehalten.

Ich lese Broder gerne. Intelligent und witzig sind seine Worte meist. Inhaltlich habe ich ungefähr eine Deckungsgleichheit von 60%, Tendenz deutlich abnehmend. Aber Dissens kann ja auch inspirierend sein. 

Broders in der WELT abgedruckte Rede habe ich darum ebenfalls gern und interessiert gelesen. Auch wenn ich, z.B. mit seiner Haltung zum Klimawandel wenig anfangen kann.
"Ich glaube nicht einmal daran, dass es einen Klimawandel gibt, weil es noch keinen Tag in der Geschichte gegeben hat, an dem sich das Klima nicht gewandelt hätte. Klimawandel ist so neu wie die ewige Abfolge von Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst. Neu ist nur, dass das Klima zum Fetisch der Aufgeklärten geworden ist, die weder an Jesus noch an Moses oder Mohammed glauben (..)"

Bei der AfD rennt er mit solchem, die akute Bedrohung  jüngere und nachfolgende Generationen ignorierenden, Formulierungen offene Tür ein. Das gleich gilt für seine - drücken wir es mal nett aus - erzkonservative Meinung in Geschlechterfragen.
"Politische Korrektheit setzt da ein, wo die Realität endet, bei den inzwischen über 70 Gender-Optionen, bei der ziemlich witzigen Behauptung, Mann und Frau seien keine biologischen Tatschen, sondern „soziale Konstrukte“, die jedem Menschen die Wahl lassen, ob er ein Mann oder eine Frau sein möchte oder heute das und morgen das."
Ja, "Politische Korrektheit" hat der Autor als Thema für seine Rede gewählt. Aber warum gerade vor diesem Publikum? Vor allem weil ihm ja klar ist, was da für Leute sitzen. Da hilft auch keine satirische Überspitzung.
"Ein Besuch bei Ihnen stand nicht auf meiner Liste, ich habe die Einladung trotzdem gerne angenommen, wann bekommt ein Jude schon die Gelegenheit, in einem Raum voller Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Para-Nazis aufzutreten?"
Broder beruft sich im Folgenden auf den Aufruf des Bundespräsidenten zum Dialog und erklärt:
"Ich bin tolerant bis an die Grenze der Selbstverleugnung, nur gegenüber einer Gruppe von Menschen will ich nicht tolerant sein: gegenüber den Intoleranten (...)."
Es folgt kein ernsthafte Mahnung an die Abgeordneten der AfD es ihm gleichzutun, sondern bestärkt die Partei noch in ihrer Opferrolle in der sich diese so gut gefällt.
"(...) der Umgang mit Ihrer Partei ist alles andere als fair. " 

Broder "Ordnungsrufe" sind lediglich alibihaft und verfehlen das Ziel. Zum Bespiel, wenn er das Durchschimmern von rechtsradikalen Gedankengut mit Anstand und Manieren auf eine Stufe stellt.
"Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die zwölf schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte nicht einen „Vogelschiss“."
Nun könnte man zu Entschuldigung von Broder sagen, er weiß selbst nicht, was sich gehört. Ich kenne auch solche Leute, die denken, daß man Wahrheite immer und überall aussprechen kann und sollte. Und die nicht verstehen, daß es einen Unterschied macht, ob ich die Aussage "Bertra trinkt zu viel Alkohol" gegenüber Bertas Mann in einem persönlichen Gespräch tätige, oder in einem Personalgespräch mit ihrem Arbeitgeber oder in einer öffentlichen Rede bei Bertas 60. Geburtstag. Wahrheit hin oder her. Wenn der Inhalt König ist, dann ist Kontext zumindest der Papst. Und jemand mit Broders Intelligenz weiß das.

Daher mutmaße ich, daß Broder nicht nur mediale Aufmerksamkeit genießt, sondern sich sogar gerne mit den drei Erzkonservativen in der AfD unterhält, weil sie zu weilen seine Ansichten teilen. Damit trägt er aber zu einem Imagegewinn der ganzen Partei bei und ignoriert, daß diese Rechtsradikalen und Neonazis ein schönes Deckmäntelchen und ein Zuhause bietet. Oder schlimmer: Es scheint ihm total egal zu sein:
"Als ich vor ein paar Tagen einem alten Freund sagte, dass ich heute bei Ihnen auftreten würde, machte er ein Gesicht, als hätte ich ihm gebeichtet, dass ich vom Handel mit Drogen lebe. „Du wirst doch nur instrumentalisiert“, sagte er, „weißt du es nicht?“ Natürlich weiß ich es. Und wissen Sie was? Es ist mir wurscht."
Das finde ich bedauerlich, denn wir benötigen jede Stimme für den Erhalt unserer Demokratie. Destruktive Kräfte gibt es genug. Es hilft nur ein gemeinschaftliches Dagegenstemmen. Und bei einer drohenden  Gefährdung der Grundrechte, ist es für mich dann total unerheblich, ob die AfD "fair" in dieser politischen Auseinandersetzung behandelt wird, solange rechtsstaatliche Regeln eingehalten werden. Die Partei symbolisiert für mich alles, was ich politische verhindern möchte. Denn sie ist meiner Meinung momentan der prominenteste Wegbereiter für Diktatur und Nationalsozialismus.

Herr Broder glaubt daran nicht. Aber er glaubt ja auch nicht an den Klimawandel und seine Folgen.

Montag, Januar 21, 2019

Staffelauftakt zu "Star Trek Discovery": Geht doch!

Das Ende der ersten Staffel von Star Trek Discovery ist ja schon ein bißchen her. Obwohl ich diese eher durchwachsen fand, freute ich mich auf eine Fortsetzung.

Bisher störte mich v.a. die neuen Klingonen, die optisch - und teilweise inhaltlich - aus Kanonsicht wenig Sinn ergeben, die etwas blaß gebliebene Michael Burnham und die starke Actionbetonung der ersten Folgen. Umso mehr erfreute mich die sogenannten ShortTreks, kleine Kurzfilme aus dem bekannten Universum, die ohne meine drei Kritikpunkte daher kamen und ganz wunderbar funktionierten.

Und auch der Einstieg in Season 2 gefiel mir. Viel Zeit für die Charaktere und viel "Futter" für eingefleischte Fans: Die Enterprise, die grandios aufgepeppten Uniformen aus TOS und ein wunderbarer Captain Christopher Pike. Anson Mounts Interpretation des Charakters hat viel von den bekannten TOS-Offizieren und strahlt trotz des vielen 60ies Flair doch ganz viel Empathie und einen gewisse Sexiness aus. Auch James Frain als Sarek überzeugt wieder. Die Rolle der Michael Burnham bleibt undankbar. Gerade in den Dialogen mit Sarek zeigt sich, daß sie (noch?) eine "Frau ohne Eigenschaften" ist. Was für Verschwendung des Talents von Sonequa Martin-Green. Doug Jones als Saru muß man einfach lieben, das ist einfach so. Auch Tilly nervt nicht mehr, endlich hat man ein gesunde, glaubwürdiges Maß an "Nervosität" gefunden.

Ich bin gespannt, ob die neue Rahmenhandlung ("Laßt uns die sieben Anomalien jagen!") trägt. Zumindest enstpricht der Ton der ersten Folge noch etwas mehr "Star Trek" als der der vergangenen Staffel.

P.S. Ich wurde zurecht darauf hingewiesen, daß ich die tolle Tig Notaro/Jet Reno unterschlagen hätte. Das stimmt. Mea culpa!

Dienstag, Januar 08, 2019

Montagsfrage: Was sind deine Lesevorsätze für 2019?

Die Antworten auf die gestrige Montagsfrage kann ich in drei Gruppen unterteilen:

Erstens: Titel, die ich angefangen habe und beenden möchte



Zweitens:  Bildergeschichten auf Comixology

Drittes möchte ich im Sonderprojekt "40stes Lebensjahr" alle meine Mosaikbände mal en bloc lesen und meine Eindrücke verbloggen. 

Und dazu kommt dann noch alles auf die "Speisekarte", worauf ich gerade Bock habe.


Sonntag, Januar 06, 2019

Digitale Geiselhaft - #Lynda #FlickR und Co.

Mein Großvater war Tischler. Da hatte man beruflich schöne Werkzeuge, die man einmal im Eisenwarenladen kaufte, ein paar Jahrzehnte benutzte und dann vielleicht sogar über Generationen weitervererben konnte.

Tatsächlich benutze ich privat und beruflich hier und da Software, die man historisch nenne könnte, d.h. die ich vor mehr als 10 Jahren als Vollversion erwarb und die immmer noch genau tut, was sie soll. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese vielleicht von meinen Kindern irgendwann genauso geschätzt wird, wie von mir, hält sich aber selbst bei meiner Einschätzung als alten Optimisten in Grenzen.

Das sich Werzeuge und Lizenzmodelle weiterentwickeln ist nicht per se schlimm, zumindest wenn man kein kleingeistiger Kulturpessimist von seehoferschen Ausmaßen ist. Allerdings hat die einsetzende Dominanz von Onlinedienstleistungen, Cloudlösungen, Abomodellen und SaaS aber auch eine Seite, die mich zwar nicht verängstigt, aber zumindest ziemlich nervt.

Beispiele? Beispiele!

Da sichert man etwa jahrelang seine Fotos auf einer kostenlosen Plattform. Und dann werden die älteste von ihnen gelöscht. Oder der Pro-Tarif kostet plötzlich mehr als doppelt so viel. Danke, FlickR.

Oder man wird bei bei Apps und anderer Software zu Zwangsupdates gezwungen, die dazu führt, daß bestimmte Features nicht mehr funktionieren, wie zu vor. Danke, Microsoft. Danke, Adobe.

Mein aktueller Aufreger ist aber ein anderer: Vor drei Jahren gönnte mir mein Arbeitgeber - und damit irgendwie auch ihr, liebe Steuerzahler - ein Jahresabo bei Lynda. Ein Anbieter mit sehr guten Onlinetrainingangeboten in verschiedensten Gebieten. Die Art der Dokumentation und Präsentation gefiel mir auch recht gut, aber der Preis war auch nicht ohne: 375 USD pro Jahr. Nach Ablauf des Jahres tat man mir kund:

"If you come back and reactivate your membership, your certificates of completion, course history, and playlists will be waiting for you." 

Über die Feiertage wollte ich tatsächlich wieder mal in meinen Account einloggen, ein bißchen rumstöbern und bei Gelegenheit auch meine Zertifikate archivieren - ich war mir nicht sicher alles gesichert zu haben - und war.... nicht erfolgreich. Ich kontrollierte meine registrierte E-Mail-Adresse und konnten keinen Fehler feststellen. Also schrieb ich den Helpdesk an und erhielt folgende Auskunft.:
"Thanks so much for reaching out to us! After reviewing your provided information, I can confirm that your account details have been deleted from Lynda.com databases.
Per the Lynda.com privacy policy, if you're an individual subscriber, we may delete your account and all its details (including your learning history, certificates, course progress, etc.) if you haven't been an active paid member for over two years. Once your account is deleted, you won't be able to reactivate it."
Die Firma, die wegen jedem Sche*ß ne Werbemail schickt, löscht meine Daten ohne Vorankündigung bzw. Warnung. Und das nicht etwa wegen Inaktivität - ich war letztes Jahr auch schon mal eingeloggt -, sondern weil ich zwei Jahre nicht gezahlt habe. Was für ein Sche*ßverein! (Was netteres fällt mir dazu echt nicht ein.)

Ich wünschte, mein Erlebnis wäre ein Einzelfall, aber wenn man ehrlich ist, gibt es eine Vielzahl von Situationen in denen es blöd wäre, Daten oder Services zu verlieren: Meinen Kurse bei Codecademy, meinen Playlisten bei Spotify, meinen Modelle bei Mecabricks, Tweets - und viel wichtiger: Kontakte - bei Twitter würde ich sehr hinterhertrauern.

Und es gibt vielerlei Szenarien, in denen man sich solche "Datenverluste" vorstellen kann: Firmenübernahmen, Geschäftsaufgabe, Konkurse und wie im oberen Fall: sehr, sehr seltsame AGBs.

In den wenigsten Fällen gibt es Alternativen für die Services mit besseren Konditionen oder Möglichkeiten die eigenen Daten von Plattformen zu sichern. Und so bleiben wir meist gefangen: In digitaler Geiselhaft.