Sonntag, Januar 06, 2019

Digitale Geiselhaft - #Lynda #FlickR und Co.

Mein Großvater war Tischler. Da hatte man beruflich schöne Werkzeuge, die man einmal im Eisenwarenladen kaufte, ein paar Jahrzehnte benutzte und dann vielleicht sogar über Generationen weitervererben konnte.

Tatsächlich benutze ich privat und beruflich hier und da Software, die man historisch nenne könnte, d.h. die ich vor mehr als 10 Jahren als Vollversion erwarb und die immmer noch genau tut, was sie soll. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese vielleicht von meinen Kindern irgendwann genauso geschätzt wird, wie von mir, hält sich aber selbst bei meiner Einschätzung als alten Optimisten in Grenzen.

Das sich Werzeuge und Lizenzmodelle weiterentwickeln ist nicht per se schlimm, zumindest wenn man kein kleingeistiger Kulturpessimist von seehoferschen Ausmaßen ist. Allerdings hat die einsetzende Dominanz von Onlinedienstleistungen, Cloudlösungen, Abomodellen und SaaS aber auch eine Seite, die mich zwar nicht verängstigt, aber zumindest ziemlich nervt.

Beispiele? Beispiele!

Da sichert man etwa jahrelang seine Fotos auf einer kostenlosen Plattform. Und dann werden die älteste von ihnen gelöscht. Oder der Pro-Tarif kostet plötzlich mehr als doppelt so viel. Danke, FlickR.

Oder man wird bei bei Apps und anderer Software zu Zwangsupdates gezwungen, die dazu führt, daß bestimmte Features nicht mehr funktionieren, wie zu vor. Danke, Microsoft. Danke, Adobe.

Mein aktueller Aufreger ist aber ein anderer: Vor drei Jahren gönnte mir mein Arbeitgeber - und damit irgendwie auch ihr, liebe Steuerzahler - ein Jahresabo bei Lynda. Ein Anbieter mit sehr guten Onlinetrainingangeboten in verschiedensten Gebieten. Die Art der Dokumentation und Präsentation gefiel mir auch recht gut, aber der Preis war auch nicht ohne: 375 USD pro Jahr. Nach Ablauf des Jahres tat man mir kund:

"If you come back and reactivate your membership, your certificates of completion, course history, and playlists will be waiting for you." 

Über die Feiertage wollte ich tatsächlich wieder mal in meinen Account einloggen, ein bißchen rumstöbern und bei Gelegenheit auch meine Zertifikate archivieren - ich war mir nicht sicher alles gesichert zu haben - und war.... nicht erfolgreich. Ich kontrollierte meine registrierte E-Mail-Adresse und konnten keinen Fehler feststellen. Also schrieb ich den Helpdesk an und erhielt folgende Auskunft.:
"Thanks so much for reaching out to us! After reviewing your provided information, I can confirm that your account details have been deleted from Lynda.com databases.
Per the Lynda.com privacy policy, if you're an individual subscriber, we may delete your account and all its details (including your learning history, certificates, course progress, etc.) if you haven't been an active paid member for over two years. Once your account is deleted, you won't be able to reactivate it."
Die Firma, die wegen jedem Sche*ß ne Werbemail schickt, löscht meine Daten ohne Vorankündigung bzw. Warnung. Und das nicht etwa wegen Inaktivität - ich war letztes Jahr auch schon mal eingeloggt -, sondern weil ich zwei Jahre nicht gezahlt habe. Was für ein Sche*ßverein! (Was netteres fällt mir dazu echt nicht ein.)

Ich wünschte, mein Erlebnis wäre ein Einzelfall, aber wenn man ehrlich ist, gibt es eine Vielzahl von Situationen in denen es blöd wäre, Daten oder Services zu verlieren: Meinen Kurse bei Codecademy, meinen Playlisten bei Spotify, meinen Modelle bei Mecabricks, Tweets - und viel wichtiger: Kontakte - bei Twitter würde ich sehr hinterhertrauern.

Und es gibt vielerlei Szenarien, in denen man sich solche "Datenverluste" vorstellen kann: Firmenübernahmen, Geschäftsaufgabe, Konkurse und wie im oberen Fall: sehr, sehr seltsame AGBs.

In den wenigsten Fällen gibt es Alternativen für die Services mit besseren Konditionen oder Möglichkeiten die eigenen Daten von Plattformen zu sichern. Und so bleiben wir meist gefangen: In digitaler Geiselhaft.

2 Kommentare:

Kiki hat gesagt…

Und das ist der Grund, warum ich so gut wie keinen dieser externen Dienste nutze. Weniger wegen möglicher Hackerangriffe, als wegen unnötiger Abhängigkeit. Inzwischen bin ich leider abhängig von Adobes Creative Cloud, aber auch das habe ich so lange wie es irgend ging hinausgezögert und bis letzten Sommer die letztmögliche “in the box“-Kaufversion der Creative Suite genutzt. Jegliche sonstige kritische Infrastruktur (email und blog) gehört mir und nicht Google oder tumblr oder Yahoo oder facebook oder flickr oder Apple und dank täglicher bzw. wöchentlicher backups bin ich spätestens 24 Std später wieder im Geschäft, wenn mein Hoster die Grätsche machen sollte. Jedes gekaufte ebook von Amazon, Hörbuch von Audible, jeder via iTunes oder Udemy gekaufte Song oder Film wird auf CD oder DVD zum Eigengebrauch gesichert. Das ist lästig, teuer und tw. vielleicht sogar nur so semilegal, aber das fällt bei mir unter digitale Selbstverteidigung.

r. hat gesagt…

"Digitale Selbstverteidung" ist wahrscheinlich das einzig probate Mittel... Bei Dateien mit DRM verfahre ich ähnlich. Beim Hosting der mir wichtigsten Inhalte auch. Aber ich stoße halt an Grenzen gerade da, wo es im Bereiche gibt, die ich (technisch oder inhaltlich) nicht selbst abdecken kann.
Hinzu kommt, daß ich bei der beruflichen Beschaffung oftmals nicht mehr auf Volllizenzen zurückgreifen kann bzw.darf. Dann ist man in einem Adobe- oder Teamviewer oder was auch immer "gefangen".