Freitag, Juni 08, 2018

Unsere Platte

Wir waren immer stolz auf unsere Wohnung. Nicht, daß meine Eltern große  Reichtümer angehäuft hätte und dort zu Schau stellten, nein, aber gleich aus drei Zimmern - dem Wohnzimmer, der Küche und meinem Kinderzimmer - konnte man direkt auf den Hafen sehen. Wann immer wie Besuch von Verwandten und Freunden aus dem Binnenland bekamen, versammelte man sich vor den Fenster und erklärte, was Fähre, Museumsschiff oder KüMo war. Im Hafen war immer was los. Oft lagen die Schiffe sogar zweireihig am Kai und brachten Waren aus aller Welt in unsere kleine Republik des Mangels.


Die elterliche Küche 1982: Szene aus dem Polizeiruf 110 

Die Aussicht war so schön, daß wir sogar zweimal Filmteams im Hause hatte. Das erste Mal – im Jahr 1982 - wurden Aufnahmen für den Polizeiruf gemacht. Die Grüntöne der Einrichtung der Anfangsjahre wich nach und nach Rauhfasertapete, die mühevoll – Raum für Raum – ranorganisiert werdern mußte. Ein Großteil der wenigen Devisen, die mein Vater als Seemann bekam, nutzen meine Eltern dafür, die schwarzen Plastikeinheitstürklinken der Wohnung durch westdeutsche aus Metall zu ersetzen.

Wenn ich heute Geschichten von der Wohnungssuche aus München und Hamburg höre bzw. an meine Zeit an Heidelberg und Frankfurt denke, scheint es, als hätte die Ärä der Wohnsnot nicht nur nie aufgehört, sondern weitere Kreise gezogen. Die wohlwollende Einstellung vieler Ossis zu ihren Plattenbauen läßt sich nur verstehen, wenn man die Nöte der Menschen in den 1970er und 1980er Jahre kennt. Viele DDR-Bürger wohnten beengt und wenn sich das erste, zweite, dritte Kind einstellte, eröffnete sich endlich die Chance eine Wohnung in angemessener Größe zu bekommen. Für die Sanierung von Altbauten fehlte Geld, Personal - „Keine Leute, keine Leute!“ war ein geflügeltes Wort in der DDR – und Baustoffe. Wer aus maroden Häusern mit Klo auf dem Gang oder Hof kam, freute sich über Warmwasser, eigenes Bad und Fahrstuhl. So steckte der Staat sein weniges Geld, v.a. in die billige Plattenbauten der neuen Stadtviertel. Trotzdem war ein Großteil der Menschen stolz und froh, ein Lebensgefühl, was kürzlich in ARTEs Karambolage gut eingefangen wurde.



Auch mein Vater war – gleich nach meiner Geburt – losgezogen, um eine größere Wohnung für unsere Familie zu beantragen. Die Aussichten dafür waren gut, denn erstens arbeite mein Vater für einen der großen Betriebe, die ein passables Wohnungskontingent hatte und zweitens hatte ich eine große Schwester, so daß die alte 2-Raum-Wohnung nun definitiv zu klein wurde. So zogen wir dann schon 1980 in eines der eilig errichteten Neubaugebiete, die den noch immer eklatanten Wohnungsmangel irgendwie entgegenwirken sollte. Die 2 2 ½ Raum Wohnung – die beiden Kinderzimmer waren so klein, daß man sie als halbe Zimmer „vermarktete“ - blieb mein zu Hause bis zum Studium. Und da nur Paare mit Kindern größere Wohnungen erhielten, gab es in jedem Hausaufgang des neuen Viertels zig Kinder. In unserem  waren es 19 in neun Wohnungen, alle in ähnlichem Alter. Es gab in der Straße genau zwei verschiedene Wohnungszuschnitte, was aber auch ganz praktisch war: Wann immer wenn man irgendwo zu Besuch war, wußte man ganz genau, wo sich Küche oder das Badezimmer befand.

Oft spielten wir aber draußen. Und das war das reinste Abenteuer. Man spielte verstecken in den Hauseingängen – diese waren praktischerweise nie verschlossen – oder erkundete Matschpfützen und das nahe Flußufer. Die Außenanlage hinter dem Haus wurden erst kurz vor der Wende fertig, bis dahin gab es noch überall Erdhügel, Kuhlen und das eine oder andere Stück Dachpappe, daß nach dem Hausbau nicht ordentlich entsorgt wurde. Im Winter diente ein riesiger Sandberg, der aus dem Aushub der vielen Fundamente der Straßenzüge bestand, als Rodelbahn, den Weg zur Schule gingen wir zu Fuß und schon als Erstklässler allein. Denn wo es kaum Autos gab – ich mußte zudem auf 800m Weg lediglich zwei Straßen überqueren – mußte man keine Angst haben, überfahren zu werden. Oft spielten wir auch direkt auf der Straße Ball. Alle zehn Minuten mal von der Straße zu gehen, wenn ein Trabant, Wartburg oder Skoda kam, war für uns kein Problem. Oder man spielte hinter dem Haus Tischtennis. Jahrzehnte später erfuhr ich, daß im Haus bei „unserer“ Tischtennisplatte zu diesem Zeitpunkt ein Rapper aufwuchs, der heute Top-10 Alben verkauft.

Die Veränderungen nach der Wende begannen schleichend. Zuerst war es das Sortiment in den Kaufhallen, von denen wir drei im Viertel hatten. Dann kamen mehr und mehr Autos, die dann auch schnell „wild“ geparkt wurden, etwas, was man sich früher nicht getraut hätte. Irgendwann standen die ersten Nazis an den Hauseingängen und wir wußten, um welche Blöcke wir lieber einen Bogen machten. Hier und da erschienen Graffitis, aber noch bis Mitte der 1990er Jahre hatte sich wenig an der sozialen Zusammensetzung im Viertel geändert. Noch immer wohnte der Hausmeister mit dem Professor Tür an Tür, der Krankenpfleger mit der Ärztin. Erst dann begannen die ersten Eltern meiner Freunde in das Umland zu ziehen und ihre Kinder in Schulen in den „besseren“ Stadtteilen zu schicken. Ein Prozess, der sich über mindestens 10 Jahre hinzog. Zurückblieben die, die sich einen Umzug nicht leisten konnten, oder – wie meine Eltern – das gewohnte soziale Umfeld und den Hafenblick nicht aufgeben wollten.

Optisch wurde viel gemacht: Freiflächen begrünt, leerstehende Blocks abgerissen, Wohnungen wärmeisoliert und Fassaden aufgehübscht. Aber das Viertel ist ein anderes. Wie in vielen ostdeutschen Gemeinden kämpft es mit den Folgen der sozialen Segregation, wie diese neue Studie sie gut beschreibt: Jüngere Menschen mit höheren Einkommen wandern ab, die alten und älteren Erstbezieher bleiben zurück. Es gilt, aus diesen Viertel wieder einen lebenswerten Ort zu machen , v.a. für jüngere Menschen mit guten Jobs. So wie er es früher einmal war, als wir Kinder vor 30 Jahren von "unserer Platte" mit unseren Fahrräder richtig Norden fuhren, um uns bereits 25min später in die Fluten der Ostsee zu werfen.

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