Die elterliche Küche 1982: Szene aus dem Polizeiruf 110
Die Aussicht war so schön, daß wir sogar zweimal Filmteams
im Hause hatte. Das erste Mal – im Jahr 1982 - wurden Aufnahmen für den Polizeiruf
gemacht. Die Grüntöne der Einrichtung der Anfangsjahre wich nach und nach Rauhfasertapete, die
mühevoll – Raum für Raum – ranorganisiert werdern mußte. Ein Großteil der
wenigen Devisen, die mein Vater als Seemann bekam, nutzen meine Eltern dafür,
die schwarzen Plastikeinheitstürklinken der Wohnung durch westdeutsche aus
Metall zu ersetzen.
Wenn ich heute Geschichten von der Wohnungssuche aus München
und Hamburg höre bzw. an meine Zeit an Heidelberg und Frankfurt denke, scheint
es, als hätte die Ärä der Wohnsnot nicht nur nie aufgehört, sondern weitere Kreise gezogen. Die wohlwollende Einstellung vieler Ossis zu ihren Plattenbauen läßt sich nur
verstehen, wenn man die Nöte der Menschen in den 1970er und 1980er Jahre kennt. Viele DDR-Bürger wohnten beengt
und wenn sich das erste, zweite, dritte Kind einstellte, eröffnete sich endlich
die Chance eine Wohnung in angemessener Größe zu bekommen. Für die Sanierung
von Altbauten fehlte Geld, Personal - „Keine Leute, keine Leute!“ war ein
geflügeltes Wort in der DDR – und Baustoffe. Wer aus maroden Häusern mit Klo
auf dem Gang oder Hof kam, freute sich über Warmwasser, eigenes Bad und Fahrstuhl. So steckte der Staat sein weniges Geld, v.a. in die billige Plattenbauten der neuen Stadtviertel. Trotzdem war ein Großteil der Menschen stolz und froh, ein Lebensgefühl, was kürzlich in ARTEs Karambolage gut eingefangen wurde.
Auch mein Vater war – gleich nach meiner Geburt – losgezogen, um eine größere Wohnung für unsere Familie zu beantragen. Die Aussichten dafür waren gut, denn erstens arbeite mein Vater für einen der großen Betriebe, die ein passables Wohnungskontingent hatte und zweitens hatte ich eine große Schwester, so daß die alte 2-Raum-Wohnung nun definitiv zu klein wurde. So zogen wir dann schon 1980 in eines der eilig errichteten Neubaugebiete, die den noch immer eklatanten Wohnungsmangel irgendwie entgegenwirken sollte. Die 2 2 ½ Raum Wohnung – die beiden Kinderzimmer waren so klein, daß man sie als halbe Zimmer „vermarktete“ - blieb mein zu Hause bis zum Studium. Und da nur Paare mit Kindern größere Wohnungen erhielten, gab es in jedem Hausaufgang des neuen Viertels zig Kinder. In unserem waren es 19 in neun Wohnungen, alle in ähnlichem Alter. Es gab in der Straße genau zwei verschiedene Wohnungszuschnitte, was aber auch ganz praktisch war: Wann immer wenn man irgendwo zu Besuch war, wußte man ganz genau, wo sich Küche oder das Badezimmer befand.
Oft spielten wir aber draußen. Und das war das reinste
Abenteuer. Man spielte verstecken in den Hauseingängen – diese waren praktischerweise nie verschlossen – oder erkundete Matschpfützen und das nahe Flußufer. Die
Außenanlage hinter dem Haus wurden erst kurz vor der Wende fertig, bis dahin
gab es noch überall Erdhügel, Kuhlen und das eine oder andere Stück Dachpappe,
daß nach dem Hausbau nicht ordentlich entsorgt wurde. Im Winter diente ein
riesiger Sandberg, der aus dem Aushub der vielen Fundamente der Straßenzüge
bestand, als Rodelbahn, den Weg zur Schule gingen wir zu Fuß und schon als
Erstklässler allein. Denn wo es kaum Autos gab – ich mußte zudem auf 800m Weg
lediglich zwei Straßen überqueren – mußte man keine Angst haben, überfahren zu werden. Oft spielten
wir auch direkt auf der Straße Ball. Alle zehn Minuten mal von der Straße zu gehen,
wenn ein Trabant, Wartburg oder Skoda kam, war für uns kein Problem. Oder man
spielte hinter dem Haus Tischtennis. Jahrzehnte später erfuhr ich, daß im Haus
bei „unserer“ Tischtennisplatte zu diesem Zeitpunkt ein Rapper aufwuchs, der heute Top-10 Alben verkauft.
Die Veränderungen nach der Wende begannen schleichend.
Zuerst war es das Sortiment in den Kaufhallen, von denen wir drei im Viertel
hatten. Dann kamen mehr und mehr Autos, die dann auch schnell „wild“ geparkt
wurden, etwas, was man sich früher nicht getraut hätte. Irgendwann standen die
ersten Nazis an den Hauseingängen und wir wußten, um welche Blöcke wir lieber
einen Bogen machten. Hier und da erschienen Graffitis, aber noch bis
Mitte der 1990er Jahre hatte sich wenig an der sozialen Zusammensetzung im Viertel geändert. Noch immer wohnte der Hausmeister mit dem Professor Tür an Tür, der
Krankenpfleger mit der Ärztin. Erst dann begannen die ersten Eltern meiner Freunde
in das Umland zu ziehen und ihre Kinder in Schulen in den „besseren“
Stadtteilen zu schicken. Ein Prozess, der sich über mindestens 10 Jahre hinzog.
Zurückblieben die, die sich einen Umzug nicht leisten konnten, oder – wie meine
Eltern – das gewohnte soziale Umfeld und den Hafenblick nicht aufgeben wollten.
Optisch wurde viel gemacht: Freiflächen begrünt, leerstehende
Blocks abgerissen, Wohnungen wärmeisoliert und Fassaden aufgehübscht. Aber das Viertel ist ein anderes. Wie in
vielen ostdeutschen Gemeinden kämpft es mit den Folgen der sozialen Segregation, wie diese neue Studie sie gut beschreibt: Jüngere Menschen
mit höheren Einkommen wandern ab, die alten und älteren Erstbezieher bleiben
zurück. Es gilt, aus diesen Viertel wieder einen lebenswerten Ort zu machen , v.a. für jüngere Menschen mit guten Jobs. So wie er es früher einmal war, als wir Kinder vor 30 Jahren von "unserer Platte" mit unseren Fahrräder richtig Norden fuhren, um uns bereits 25min später in die Fluten der Ostsee zu werfen.





