"Sie machen das alles ganz toll!", sagte die Ärztin.
Naja, wenn man schon ein bißchen Mist im Leben erdulden mußte, weiß man, daß man sich beim Segeln nach Wind und Gezeiten richten muß, ob man will oder nicht. Heulen, Schreien, Selbstmitleid und an die Decken starren kann man zwischendurch immer dann, wenn man Zeit hat und nicht noch irgendwie funktionieren muß.
Auch den twittererprobte Zynismus ließ ich in den letzten Wochen lieber eingepackt, dafür war die Lage zu ernst. Vielmehr konzentrierte ich mich auf das wahnsinnige Glück, das wir hatten. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllte mich heute. Eine Dankbarkeit dafür,
daß wir zur rechten Zeit am rechten Ort waren,
daß es aufmerksame Hebammen und Ärzte gibt,
daß es Rettungshubschrauber gibt,
daß es Ersatzrettungshubschrauber gibt,
daß es Freunde gibt, die für einen kochen, die Katze füttern, Hotels buchen, Zuspruch geben oder sich nach 30 Stunden Flug sofort ins Auto setzen und zu einem kommen,
daß wir Eltern und eine Tochter haben, die einfach alles mitmachten, was nötig war,
daß man sich im 21. Jahrhundert befindet, im richtigen Teil der Erde und ne Krankenkasse, die einfach alles zahlt, so absurd die Kosten auch sind,
daß es eine Burgerbraterei gibt, die günstige Unterkünfte für Eltern betreiben, deren Kinder wochenlang fern der Heimat behandelt werden müssen,
daß unser Sohn die Situation so gut überstanden hat...
Ja, die Zeit war hart. Aber wenn ich schwächelte, war meine Frau für mich da und umgekehrt. Nicht nur, daß ich meine Frau und unser verrücktes Leben liebe, wir funktionieren einfach gut als Team. "Im Gesundheits- und im Krankenheitsfall", wie der ungarische Priester damals bei der Trauung in seiner etwas ruckligen deutschen Übersetzung sagte.
Natürlich gibt es auch negative Momente, die man nicht vergisst: Das Verabschieden vom Kind im kritischen Zustand, das tagelange Warten, das Durchlaufen von sechs Krankenhausstationen innerhalb von vier Wochen, das kaserniert sein, die Pendelei von 200+km, Zimmertemperaturen jenseits der 30 Grad ohne ein Fenster öffnen zu können, die Erkenntnis, daß man in einen Neugeborenen wirklich so viel Kabel stecken kann, daß es fast wie ein kleiner Borg aussieht...
Das ist aber vorbei. Jetzt wohnt wieder das Glück in diesem Haus. Vielleicht war es nie weg. Zwei fast gesunde Kinder und viel Liebe für alle. Wir gewannen den Jackpot.
Ich habe mir einen gebrauchten Amazon Kindle gekauft und beschreibe - etwas weiter unten - wie man die Klippen bei der Neueinrichtung umschifft.
Bücher sind Fenster und Spiegel, Ort unser Sehnsüchte und Ängste.
Vielleicht liegt daran, daß ich als Sohn einer Bibliothekarin eine besondere Beziehung zum Medium Buch habe. Vielleicht ist das aber auch nur eine praktische Ausrede, wenn ich mal wieder mehr Bücher kaufe als ich lesen kann: Bücher füllen unsere Wohnung (zuletzte eher weniger) und die Kisten auf dem Dachboden (zuletzt eher mehr).
Obwohl ich Geruch und Haptik vor physischen Büchern nicht missen möchte, vergrößert sich in den letzten Jahren auch der Bestand meiner e-books kontinuierlich. Ganz unschuldig ist daran auch die tolle Bibliothek meiner Heimatstadt nicht.
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Während ich mir angewöhnt habe, Graphic Novels & Comics via Comixology zu beschaffen und auf meinem iPhone zu lesen - ein Verhalten, für das ich voll umfänglich die Kollegen Reumeier und Herr Kowski verantwortlich mache - empfinde ich das Lesen langer, reiner Textpassagen auf dem Gerät als eher unpraktisch: Das Display spiegelt oft, das Akku wird schnell leer und andere Apps lenken mich mit ihren Benachrichtigungen schnell ab.
So entschied ich mich für schmales Geld - ca. 30€ inkl. Versand - ein gebrauchtes Amazon Kindle (5. Gen) zu erwerben. Und bisher habe ich diesen Schritt nicht bereut: Akkulaufzeit, Gewicht, Größe, Speicher und die Lesbarkeit des Displays überzeugte mich sehr. Selbst bei starker Sonneneinstrahlung am Strand und getragenere Sonnenbrille machte das Schmökern Spaß.
Nicht ganz so viel Freude macht anfängliche die Einrichtung des Gerätes. Und dies ist der eigentliche Grund für dieses Posting. Das Gerät war schon von seiner Vorbesitzerin zurückgesetzt worden. Die Probleme begannen so erst mit der Einrichtung des obligatorischen WLAN-Zugangs. Hier bekam ich immer wieder eine unspezifische Fehlermeldung mit der Aufforderung den Vorgang später zu wiederholen. Zwölf Versuche und zwei Schreikrämpfe später, fand ich einen gut versteckten Hinweis in den Untiefen des Internets und tatsächlich: Die aktuelle Firmware runtergeladen und via USB auf das Gerät gespielt, behob das Problem. Ich war glücklich, wünschte den Programmierern aber für die nichtssagende Fehlermeldung und den Umstand, daß ein 0.1 Punkt Unterschied in der Software ein Gerät quasi unbrauchbar macht, einen großes Furunkel an den Allerwertesten.
Kaum hatte ich meinen Jubel samt Beckerfaust beendet, stand ich vor der zweiten Hürde. Nach der Eingabe meines Passworts für mein Amazonkonto bekam ich zwar den PIN per E-Mail, aber nirgendswo gab es ein Eingabefeld hierfür auf dem Kindle. Eine weitere ausführliche Googlesuche später erfuhr ich, daß man als Nutzer der Zwei-Schritte-Anmeldung das Passwort und den PIN hintereinander in das Eingabefeld eintragen muß. Also in etwa "Superpasswort123456". Alternativ hätte ich das Sicherheitsfeature auch vorübergehend abschalten können, aber schon komisch, wenn man eine Amazonfunktion auf einem Amazongerät nur eingeschränkt nutzen kann.
Trotz der kleinen Probleme bin ich mit meinem Kindle sehr, sehr zu frieden. Nur ist die Lesbarkeit in der Dämmerung - also gerade dann, wenn ich eigentlich Zeit habe - etwas eingeschränkt. Daher überlege ich ernsthaft, mich vielleicht bzgl. eines Paperwhite* an den Weihnachtsmann zu wenden.
Bis dahin tut aber auch das Gebrauchtgerät genau das, was es soll. Und das Bibliotheken toll sind, brauche ich ja nun wirklich niemandem mehr zu erzählen:
Wir waren immer stolz auf unsere Wohnung. Nicht, daß meine
Eltern große Reichtümer angehäuft hätte
und dort zu Schau stellten, nein, aber gleich aus drei Zimmern - dem
Wohnzimmer, der Küche und meinem Kinderzimmer - konnte man direkt auf den Hafen
sehen. Wann immer wie Besuch von Verwandten und Freunden aus dem Binnenland bekamen, versammelte
man sich vor den Fenster und erklärte, was Fähre, Museumsschiff oder KüMo war. Im
Hafen war immer was los. Oft lagen die Schiffe sogar zweireihig am Kai und
brachten Waren aus aller Welt in unsere kleine Republik des Mangels.
Die elterliche Küche 1982: Szene aus dem Polizeiruf 110
Die Aussicht war so schön, daß wir sogar zweimal Filmteams
im Hause hatte. Das erste Mal – im Jahr 1982 - wurden Aufnahmen für den Polizeiruf
gemacht. Die Grüntöne der Einrichtung der Anfangsjahre wich nach und nach Rauhfasertapete, die
mühevoll – Raum für Raum – ranorganisiert werdern mußte. Ein Großteil der
wenigen Devisen, die mein Vater als Seemann bekam, nutzen meine Eltern dafür,
die schwarzen Plastikeinheitstürklinken der Wohnung durch westdeutsche aus
Metall zu ersetzen.
Wenn ich heute Geschichten von der Wohnungssuche aus München
und Hamburg höre bzw. an meine Zeit an Heidelberg und Frankfurt denke, scheint
es, als hätte die Ärä der Wohnsnot nicht nur nie aufgehört, sondern weitere Kreise gezogen. Die wohlwollende Einstellung vieler Ossis zu ihren Plattenbauen läßt sich nur
verstehen, wenn man die Nöte der Menschen in den 1970er und 1980er Jahre kennt. Viele DDR-Bürger wohnten beengt
und wenn sich das erste, zweite, dritte Kind einstellte, eröffnete sich endlich
die Chance eine Wohnung in angemessener Größe zu bekommen. Für die Sanierung
von Altbauten fehlte Geld, Personal - „Keine Leute, keine Leute!“ war ein
geflügeltes Wort in der DDR – und Baustoffe. Wer aus maroden Häusern mit Klo
auf dem Gang oder Hof kam, freute sich über Warmwasser, eigenes Bad und Fahrstuhl. So steckte der Staat sein weniges Geld, v.a. in die billige Plattenbauten der neuen Stadtviertel. Trotzdem war ein Großteil der Menschen stolz und froh, ein Lebensgefühl, was kürzlich in ARTEs Karambolage gut eingefangen wurde.
Auch mein Vater war – gleich nach meiner Geburt –
losgezogen, um eine größere Wohnung für unsere Familie zu beantragen. Die Aussichten dafür waren
gut, denn erstens arbeite mein Vater für einen der großen Betriebe, die ein
passables Wohnungskontingent hatte und zweitens hatte ich eine große Schwester,
so daß die alte 2-Raum-Wohnung nun definitiv zu klein wurde. So zogen wir dann schon
1980 in eines der eilig errichteten Neubaugebiete, die den noch immer
eklatanten Wohnungsmangel irgendwie entgegenwirken sollte. Die 2 2 ½ Raum
Wohnung – die beiden Kinderzimmer waren so klein, daß man sie als halbe Zimmer
„vermarktete“ - blieb mein zu Hause bis zum Studium. Und da nur Paare mit
Kindern größere Wohnungen erhielten, gab es in jedem Hausaufgang des neuen
Viertels zig Kinder. In unserem waren es 19 in neun
Wohnungen, alle in ähnlichem Alter. Es gab in der Straße genau zwei
verschiedene Wohnungszuschnitte, was aber auch ganz praktisch war: Wann immer
wenn man irgendwo zu Besuch war, wußte man ganz genau, wo sich Küche oder das
Badezimmer befand.
Oft spielten wir aber draußen. Und das war das reinste
Abenteuer. Man spielte verstecken in den Hauseingängen – diese waren praktischerweise nie verschlossen – oder erkundete Matschpfützen und das nahe Flußufer. Die
Außenanlage hinter dem Haus wurden erst kurz vor der Wende fertig, bis dahin
gab es noch überall Erdhügel, Kuhlen und das eine oder andere Stück Dachpappe,
daß nach dem Hausbau nicht ordentlich entsorgt wurde. Im Winter diente ein
riesiger Sandberg, der aus dem Aushub der vielen Fundamente der Straßenzüge
bestand, als Rodelbahn, den Weg zur Schule gingen wir zu Fuß und schon als
Erstklässler allein. Denn wo es kaum Autos gab – ich mußte zudem auf 800m Weg
lediglich zwei Straßen überqueren – mußte man keine Angst haben, überfahren zu werden. Oft spielten
wir auch direkt auf der Straße Ball. Alle zehn Minuten mal von der Straße zu gehen,
wenn ein Trabant, Wartburg oder Skoda kam, war für uns kein Problem. Oder man
spielte hinter dem Haus Tischtennis. Jahrzehnte später erfuhr ich, daß im Haus
bei „unserer“ Tischtennisplatte zu diesem Zeitpunkt ein Rapper aufwuchs, der heute Top-10 Alben verkauft.
Die Veränderungen nach der Wende begannen schleichend.
Zuerst war es das Sortiment in den Kaufhallen, von denen wir drei im Viertel
hatten. Dann kamen mehr und mehr Autos, die dann auch schnell „wild“ geparkt
wurden, etwas, was man sich früher nicht getraut hätte. Irgendwann standen die
ersten Nazis an den Hauseingängen und wir wußten, um welche Blöcke wir lieber
einen Bogen machten. Hier und da erschienen Graffitis, aber noch bis
Mitte der 1990er Jahre hatte sich wenig an der sozialen Zusammensetzung im Viertel geändert. Noch immer wohnte der Hausmeister mit dem Professor Tür an Tür, der
Krankenpfleger mit der Ärztin. Erst dann begannen die ersten Eltern meiner Freunde
in das Umland zu ziehen und ihre Kinder in Schulen in den „besseren“
Stadtteilen zu schicken. Ein Prozess, der sich über mindestens 10 Jahre hinzog.
Zurückblieben die, die sich einen Umzug nicht leisten konnten, oder – wie meine
Eltern – das gewohnte soziale Umfeld und den Hafenblick nicht aufgeben wollten.
Optisch wurde viel gemacht: Freiflächen begrünt, leerstehende
Blocks abgerissen, Wohnungen wärmeisoliert und Fassaden aufgehübscht. Aber das Viertel ist ein anderes. Wie in
vielen ostdeutschen Gemeinden kämpft es mit den Folgen der sozialen Segregation, wie diese neue Studie sie gut beschreibt: Jüngere Menschen
mit höheren Einkommen wandern ab, die alten und älteren Erstbezieher bleiben
zurück. Es gilt, aus diesen Viertel wieder einen lebenswerten Ort zu machen , v.a. für jüngere Menschen mit guten Jobs. So wie er es früher einmal war, als wir Kinder vor 30 Jahren von "unserer Platte" mit unseren Fahrräder richtig Norden fuhren, um uns bereits 25min später in die Fluten der Ostsee zu werfen.
"Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. - Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist."