Freitag, April 05, 2019

Arte.tv Empfehlungen April 2019

Ich habe mal wieder ein Arte Magazin in die Hände bekommen und freue mich schon auf folgende Programmhighlights im April.

08.04. 22:10
Benjamin Netanjahu - Der Medienprofi und die Macht 
Ein Porträt über einen der Prototypen der neuen Populisten, westlicher Prägung.

10.04. 20:15
A Most Wanted Man
Thriller mit dem unvergessenen Philip Seymour Hoffman

17.04. 20:15
Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt
Als großer Sven Regener Fan kann ich mir die Verfilmung seines vorletzten Romans nicht entgehen lassen.

21.04. 22:25
Mit Schwertern und Sandalen
Eine Kulturdoku zur Geschichte der sogenannten Sandalenfilmen

22.04. 20:15
Ihre Majestät, Mrs. Brown
Ein Biopic über Königin Victoria, gespielt von Judi Dench

28.04. 20:15
Was vom Tage übrig blieb
Ein moderner Klassiker mit Emma Thompson und Anthony Hopkins.

29.04. 20:15
Die Faust im Nacken & Marlon Brando - Der Harte und der Zarte 
Erst ein längst fälliges Rewatch, dann eine Doku, die ich noch nicht kenne

Dienstag, März 19, 2019

Openbook, das Internet, die 90er und ich

Ich erzähle gerne, wie ich 1995 als Austauschschüler in Idaho von meiner Gastmutter gefragt wurde, ob ich eine E-Mail schreiben möchte. Ich antwortete mit einem begeisterten "Ja!", bevor mir einfiel, daß ich niemanden kannte, der eine E-Mail-Adresse hatte.

Das Erlebnis ist schon etwas symptomatisch für meine Teenagerjahre: Die Präsenz des Internets machte sich in der nordostdeutschen Provinz erst ganz langsam bemerkbar. Die einzigen Fenster in die weite Welt waren für den pupertären Herrn R. das Fernsehen und der örtliche Zeitschriften- bzw. Buchhändler. Was dort nicht stattfand, existierte quasi nicht. Selbst die Cinema - die ich gern von der ersten bis zur letzten Seite las - war oft genug ausverkauft. Daneben gab es einmal ein Jahr ein Comicbuch und vielleicht mal ne Programmzeitschrift mit einem Raumschiff auf dem Cover.

Über Baseballergebnisse informierte ich mich über Videotext und freute mich, wenn einmal die Woche bei NBC eine Spiel lief, das ich - unabhängig von den präferierten Mannschaften - auf eine VHS bannte.

Als meine Schwester ihr Studium anfing, überließ sie mir gelegentlich ihren Studentenausweis, so konnte ich meine ersten Gehversuche im WWW machen. Eine Internetcafe hatte unsere Großstadt damals noch nicht.

Ich war sofort hin und weg von dem freundlichen Ort namens Internet. Egal wie weit man voneinander weg wohnte und egal was man mochte, hier fand man Gleichgesinnte. Man loggte sich in Foren ein, erstellte Webseiten bei Geocities oder schrieb sich sehr lange E-Mails.

Warum mir das gerade jetzt wieder einfällt? 

Letztes Jahr unterstütze ich die Kickstarter-Kampagne von Openbook, eine open-source Alternative zu anderen Social Media Plattformen. Seit Sonntag gehöre ich zu den Testern der Alpha und momentan ist die Community noch so klein und freundlich, daß ich sofort ein 90er Jahre Flashback hatte.



Openbook ist irgendwas zwischen G+, Reddit und facebook. Total werbefrei und ohne störende Algorithmen kann man einerseits in seine Profiltimeline/Circle posten, andererseits auch in Communities. Der bekannte Effekt von neuen Plattformen, daß man also erst mal den bekannten Nasen folgt und sich dann langweilt, entfällt hier.

Wird Openbook der nächste, große Sch*iß? Ich bezweifele es, aber wenn die Community auf ein für die Betreiber wirtschaftlich rentables Niveau wächst, reicht es meiner Meinung nach auch. Wenige, aktive Mitglieder sind mir lieber als Facebook, wo die Nachbarin meiner Schwiegermutter gerne mit mir befreundend sein möchte, sie aber nie etwas postet und ich nie etwas mit ihr teilen möchte. Ich möchte nicht nur passiv lesen, sondern interessante Tipps - Bücher, Artikel, Musik, Filme etc. - von anderen erhalten und mich mit ihnen darüber austauschen...

Momentan ist Openbook ein Riesenspaß für mich. Ich wünschte, es würde so bleiben.

Donnerstag, Januar 31, 2019

Herr Broders Worte und mein Senf

Henryk M. Broder hat sich nicht nur Alice Weidel umarmend ablichten lassen, sondern auch vor der AfD eine Rede gehalten.

Ich lese Broder gerne. Intelligent und witzig sind seine Worte meist. Inhaltlich habe ich ungefähr eine Deckungsgleichheit von 60%, Tendenz deutlich abnehmend. Aber Dissens kann ja auch inspirierend sein. 

Broders in der WELT abgedruckte Rede habe ich darum ebenfalls gern und interessiert gelesen. Auch wenn ich, z.B. mit seiner Haltung zum Klimawandel wenig anfangen kann.
"Ich glaube nicht einmal daran, dass es einen Klimawandel gibt, weil es noch keinen Tag in der Geschichte gegeben hat, an dem sich das Klima nicht gewandelt hätte. Klimawandel ist so neu wie die ewige Abfolge von Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst. Neu ist nur, dass das Klima zum Fetisch der Aufgeklärten geworden ist, die weder an Jesus noch an Moses oder Mohammed glauben (..)"

Bei der AfD rennt er mit solchem, die akute Bedrohung  jüngere und nachfolgende Generationen ignorierenden, Formulierungen offene Tür ein. Das gleich gilt für seine - drücken wir es mal nett aus - erzkonservative Meinung in Geschlechterfragen.
"Politische Korrektheit setzt da ein, wo die Realität endet, bei den inzwischen über 70 Gender-Optionen, bei der ziemlich witzigen Behauptung, Mann und Frau seien keine biologischen Tatschen, sondern „soziale Konstrukte“, die jedem Menschen die Wahl lassen, ob er ein Mann oder eine Frau sein möchte oder heute das und morgen das."
Ja, "Politische Korrektheit" hat der Autor als Thema für seine Rede gewählt. Aber warum gerade vor diesem Publikum? Vor allem weil ihm ja klar ist, was da für Leute sitzen. Da hilft auch keine satirische Überspitzung.
"Ein Besuch bei Ihnen stand nicht auf meiner Liste, ich habe die Einladung trotzdem gerne angenommen, wann bekommt ein Jude schon die Gelegenheit, in einem Raum voller Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Para-Nazis aufzutreten?"
Broder beruft sich im Folgenden auf den Aufruf des Bundespräsidenten zum Dialog und erklärt:
"Ich bin tolerant bis an die Grenze der Selbstverleugnung, nur gegenüber einer Gruppe von Menschen will ich nicht tolerant sein: gegenüber den Intoleranten (...)."
Es folgt kein ernsthafte Mahnung an die Abgeordneten der AfD es ihm gleichzutun, sondern bestärkt die Partei noch in ihrer Opferrolle in der sich diese so gut gefällt.
"(...) der Umgang mit Ihrer Partei ist alles andere als fair. " 

Broder "Ordnungsrufe" sind lediglich alibihaft und verfehlen das Ziel. Zum Bespiel, wenn er das Durchschimmern von rechtsradikalen Gedankengut mit Anstand und Manieren auf eine Stufe stellt.
"Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die zwölf schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte nicht einen „Vogelschiss“."
Nun könnte man zu Entschuldigung von Broder sagen, er weiß selbst nicht, was sich gehört. Ich kenne auch solche Leute, die denken, daß man Wahrheite immer und überall aussprechen kann und sollte. Und die nicht verstehen, daß es einen Unterschied macht, ob ich die Aussage "Bertra trinkt zu viel Alkohol" gegenüber Bertas Mann in einem persönlichen Gespräch tätige, oder in einem Personalgespräch mit ihrem Arbeitgeber oder in einer öffentlichen Rede bei Bertas 60. Geburtstag. Wahrheit hin oder her. Wenn der Inhalt König ist, dann ist Kontext zumindest der Papst. Und jemand mit Broders Intelligenz weiß das.

Daher mutmaße ich, daß Broder nicht nur mediale Aufmerksamkeit genießt, sondern sich sogar gerne mit den drei Erzkonservativen in der AfD unterhält, weil sie zu weilen seine Ansichten teilen. Damit trägt er aber zu einem Imagegewinn der ganzen Partei bei und ignoriert, daß diese Rechtsradikalen und Neonazis ein schönes Deckmäntelchen und ein Zuhause bietet. Oder schlimmer: Es scheint ihm total egal zu sein:
"Als ich vor ein paar Tagen einem alten Freund sagte, dass ich heute bei Ihnen auftreten würde, machte er ein Gesicht, als hätte ich ihm gebeichtet, dass ich vom Handel mit Drogen lebe. „Du wirst doch nur instrumentalisiert“, sagte er, „weißt du es nicht?“ Natürlich weiß ich es. Und wissen Sie was? Es ist mir wurscht."
Das finde ich bedauerlich, denn wir benötigen jede Stimme für den Erhalt unserer Demokratie. Destruktive Kräfte gibt es genug. Es hilft nur ein gemeinschaftliches Dagegenstemmen. Und bei einer drohenden  Gefährdung der Grundrechte, ist es für mich dann total unerheblich, ob die AfD "fair" in dieser politischen Auseinandersetzung behandelt wird, solange rechtsstaatliche Regeln eingehalten werden. Die Partei symbolisiert für mich alles, was ich politische verhindern möchte. Denn sie ist meiner Meinung momentan der prominenteste Wegbereiter für Diktatur und Nationalsozialismus.

Herr Broder glaubt daran nicht. Aber er glaubt ja auch nicht an den Klimawandel und seine Folgen.