Seit sieben Jahren wohnen wir in der innerstädtischen Gegend, die wie in meiner Kindheit ,Stadt‘ nannten und in die wir fuhren, um alles zu besorgen, was in unseren Neubaugebietskaufhallen nicht angeboten wurde.
Heute ist das unsere kleine "Hood". Wir werden vom älteren Pärchen gegrüßt, das das Waschmaschinengeschäft betreibt, im Weinladen vor der Haustür wird jede Flasche besorgt, die wir verschenken, und im Restaurant, das auf dem halben Weg zwischen Büro und Wohnung liegt, kennt man die Namen unserer Kinder und hat auch einen Tisch für uns, wenn der Laden an Valentinstag zu zerbersten droht und wir vergessen haben zu reservieren.
All diese Dienstleister, diese netten Menschen in ihren Geschäften tun mindestens so viel für mein persönliches Wohlbefinden (und das vieler Anwohner), wie die sauberen und sicheren Straßen und die gute ÖVPN-Anbindung.
Leider sind viele Geschäfte meiner Kindheit, die 40 Jahre DDR mühsam überlebt und auch noch die ersten, schweren Wendejahre überstanden haben, verschwunden, wie etwa der Eisladen aus der Kaiserzeit mit den weiß gekachelten Boden, das Fischfachgeschäft und der Fotograf bei dem man noch wunderbare Glassplattenabzüge von Stadtporträts aus den Zwischenkriegsjahrne kaufen konnte.
Woher kommt meine spontaner Einzelhandelsblues? Gestern besuchte ich - auf der Suche nach neuem Vorlesematerial für den Nachwuchs - nach langer Zeit mal wieder das Lieblingsantiquariat. Die Institution mit edlem, hanseatischen Namen besteht seit den 1950er Jahren und war als Kind mein wichtigster Bezugspunkt, wenn es um das Füllen der Lücken in meiner Mosaiksammlung ging. Und während des Studiums erwarb ich hier kostengünstig das eine oder andere Fachbuch. Der Laden war immer hell, die Wende hoch, die Bücherwände hoch und Erfurcht erbietend.
Heute ist es auf einer anderen Etage des Hauses beheimatet. Die Decken niedriger, der Laden immer noch liebevoll gepflegt, aber vollgestellt und schon nach wenigen Minuten kommt man im Gespräch mit der langjährigen Inhaberin auf die mageren Besucherzahlen zu besprechen. Die Leute bleiben aus: Trotz fairer Preise, tollem Angebot und kompetenter und freundlicher Bedienung.
Das betrübt mich sehr, denn ich hoffe, dieser magische Ort noch sehr lange fortbesteht. Den tollen, alten Büchern ein Domizil bietet, bevor sie ein neues Zuhause gefunden haben. Also kaufe ich als kleine ,Kulturabgabe‘ für schmales Geld einen Mark Twain, den ich noch nicht kenne und nehme mir fest vor: Du kommst jetzt wieder öfter vorbei.
Mittwoch, Mai 08, 2019
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1 Kommentar:
Viele in der Nachbarschaft zu kennen und von vielen gekannt zu werden - man fühlt sich, als ob man da gehört und vermisst wird, wenn man abwesend ist.
Aus meiner Erfahrung ist es auch nicht ausgeschlossen, sich über den oberflächlichsten Kontakt oder Erkennung zu freuen, zum Beispiel im Döner-Laden oder Reparaturwerkstatt. Ohne Kirchengemeinde oder Sportverein oder Chor oder wo man sonst in einer bestimmten Gruppe teilnimmt und regelmäßig auftaucht, begnügt man sich mit schwächeren Beziehungen.
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