Ich strudelte so durch eine turbulente Woche, kam übermüdet am Wochenende an und hatte dann wirklich Spaß beim Großfamilienmittagsessen im schicken Restaurant mit Wasserblick. :) Die absolut überteuerte, reisende Trashdinoausstellung, die wir mit den Kindern auf dem Heimweg besuchten, konnte die Stimmung nicht verderben. Während der Nachwuchs hüpfburgte, genossen die Liebste und ich händchenhaltend die Zweisamkeit.
Daheim angekommen, warf ich noch fix ein Blick in den Briefkasten. Ein Brief an den Verlag. Fanpost?! Die naive Kinderrakelschrift auf den Kuvert ließen es vermuten. Och, das wäre ja schön. Zweimal hatte ich in der Vergangenheit schon das Vergnügen.
Nach dem Öffnen gingen meine Mundwinkel aber nach unten und der Blutdruck nach oben.
Beim Besuch meiner Buchwebseite hatte der Briefeschreiber bemerkt, daß ich Google Fonts dynamisch eingebettet hatte, so dass seine IP-Adresse automatisch an Google Server übertragen hatten. Ich überprüfte das und tatsächlich: Bei ältere Wordpress Themes (in meinem Fall Twenty Fifteen und Twenty Seventeen) sind die Google Fonts automatisch in nicht-DSGVO-konformer Weise eingebunden (Ja, auch unter Wordpress 6.0 und aktueller Themeversion.). Der Hinweis im Brief ist also durchaus berechtigt. Das ist äußerst doof. Noch döfer ist, daß der sympathische Briefeschreiber, natürlich nicht ganz uneigennützig handelte, sondern auch noch 100€ Entschädigung haben möchte. Er beruft sich dabei auf ein Urteil der OLG München.
Was also tun? Ruhe erkaufen für 100€? Das klingt erst einmal gut. Aber sollte man das auch tun? Was für Leute schreiben einen 3seitigen Brief wegen so einer Lappalie und kassieren dann 100€ ab? These 1: Es handelt sich um einen Massenabmahner, der sich bereichern will. These 2: Es ist ein bekloppter Datenschutzorthodoxer, der schon Schnappatmung bekommt, wenn er herausfindet, daß die Postzustelllerin seine Adresse kennt... In beiden Fällen habe ich null Bock dieses "soziales" Verhalten durch eine Zahlung positiv zu verstärken. Obwohl es mir großen Unbehagen bereitet, gehöre ich definitiv zu den harmoniebedürftigen, nicht konfrontativen Zeitgenossen. Trotzdem: mein Geld bleibt (hoffentlich langfristig) bei mir und ich hoffe, daß die Geschichte hier endet. Drückt bitte alle verfügbaren Daumen!
Achso, wie könnt ihr prüfen ob Euch das Thema unter Wordpress auch betrifft?
(1) Ruft Eure Webseite auf und schaut Euch den Quellcode an. (Im Chrome geht das z.B. durch Strg+U.)
(2) Durchsucht den Code (Strg+F) nach "fonts.googleapis.com" und "fonts.gstatic.com"
Ihr habt einen Treffer? Dann besteht leider Handlungsbedarf.
Schaut dann im Backend von Wordpress im Design-Menü nach, ober ihr in Eurem Theme Google Fonts deaktivieren könnt. Das sieht z.B. so aus:
Gibt es diese Einstellungsmöglichkeit nicht (wie bei den oben genannten Standardthemes), dann installiert das kostenloses Plugin
OMGF, welches die Google Fonts durch lokale Kopien ersetzt. (
Natürlich gibt es noch einen Haufen andere Wege, aber so ist der ganze Prozess in wenigen Minuten umgesetzt.)
Habt ihr noch Hinweise in der Sache? Korrekturen? Andere Handlungsansätze? Dann würde ich mich über Kommentare unter diesem Artikel freuen.
Es ist definitiv wieder einer der Tage, wo man sich als Contentersteller im Netz wie Freiwild vorkommt. Man erwirtschaftet (fast) nichts, sieht sich aber finanziellen Risiken ausgesetzt. Ich bereue nicht, dieses Blog (weiterhin) anonym zu fahren und denke sehnsüchtig an Geocity-Webseitentage zurück.
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Nachtrag (20:27)
Die Einschätzung von datenschutz-notizen zu dieser Art von "Massenabmahnung" durch Privatpersonen lautet:
"Da wir aufgrund des sich uns aufdrängenden ersten Eindrucks davon ausgehen, dass die Schreiben mutmaßlich massenhaft versendet werden und letztlich weitestgehend wohl nur dazu dienen sollen, den Absender*innen einen netten Zusatzverdienst zu verschaffen, könnten betroffene Unternehmen trotz der relativ eindeutigen Rechtslage bei ihrer Entscheidungsfindung nach unserem Eindruck ganz gut zu dem Schluss kommen, auf das Schreiben nicht zu reagieren und die Zahlung nicht vorzunehmen."
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"Insgesamt erscheint es aus unserer Sicht durchaus vertretbar, sich dafür zu entscheiden, nicht auf diese Art von Schreiben zu reagieren und nicht zu zahlen, um damit einem solchen Geschäftsmodell die Grundlage zu entziehen."