Mittwoch, Mai 08, 2019

Time, time, time, what has become of us - Einzelhandelsblues

Seit sieben Jahren wohnen wir in der innerstädtischen Gegend, die wie in meiner Kindheit ,Stadt‘ nannten und in die wir fuhren, um alles zu besorgen, was in unseren Neubaugebietskaufhallen nicht angeboten wurde.
Heute ist das unsere kleine "Hood". Wir werden vom älteren Pärchen gegrüßt, das das Waschmaschinengeschäft betreibt, im Weinladen vor der Haustür wird jede Flasche besorgt, die wir verschenken, und im Restaurant, das auf dem halben Weg zwischen Büro und Wohnung liegt, kennt man die Namen unserer Kinder und hat auch einen Tisch für uns, wenn der Laden an Valentinstag zu zerbersten droht und wir vergessen haben zu reservieren.
All diese Dienstleister, diese netten Menschen in ihren Geschäften tun mindestens so viel für mein persönliches Wohlbefinden (und das vieler Anwohner), wie die sauberen und sicheren Straßen und die gute ÖVPN-Anbindung.
Leider sind viele Geschäfte meiner Kindheit, die 40 Jahre DDR mühsam überlebt und auch noch die ersten, schweren Wendejahre überstanden haben, verschwunden, wie etwa der Eisladen aus der Kaiserzeit mit den weiß gekachelten Boden, das Fischfachgeschäft und der Fotograf bei dem man noch wunderbare Glassplattenabzüge von Stadtporträts aus den Zwischenkriegsjahrne kaufen konnte.
Woher kommt meine spontaner Einzelhandelsblues? Gestern besuchte ich - auf der Suche nach neuem Vorlesematerial für den Nachwuchs - nach langer Zeit mal wieder das Lieblingsantiquariat. Die Institution mit edlem, hanseatischen Namen besteht seit den 1950er Jahren und war als Kind mein wichtigster Bezugspunkt, wenn es um das Füllen der Lücken in meiner Mosaiksammlung ging. Und während des Studiums erwarb ich hier kostengünstig das eine oder andere Fachbuch. Der Laden war immer hell, die Wende hoch, die Bücherwände hoch und Erfurcht erbietend.

Heute ist es auf einer anderen Etage des Hauses beheimatet. Die Decken niedriger, der Laden immer noch liebevoll gepflegt, aber vollgestellt und schon nach wenigen Minuten kommt man im Gespräch mit der langjährigen Inhaberin auf die mageren Besucherzahlen zu besprechen. Die Leute bleiben aus: Trotz fairer Preise, tollem Angebot und kompetenter und freundlicher Bedienung.

Das betrübt mich sehr, denn ich hoffe, dieser magische Ort noch sehr lange fortbesteht. Den tollen, alten Büchern ein Domizil bietet, bevor sie ein neues Zuhause gefunden haben. Also kaufe ich als kleine ,Kulturabgabe‘ für schmales Geld einen Mark Twain, den ich noch nicht kenne und nehme mir fest vor: Du kommst jetzt wieder öfter vorbei.

Donnerstag, Mai 02, 2019

Watchlisttipps für Netflix & Amazon Prime

Es soll ja Menschen geben, die haben so viel Freizeit, daß sie regelmäßig nicht wissen, was sie demnächst schauen möchte. Für alle die ARTE schon durchgespielt haben, hier ein paar Empfehlungen von meiner vernachlässigten Watchlist:

NETFLIX



AMAZON PRIME

Zudem empfehle ich innigst VODSPY, einen Dienst, der regelmäßig über alle Neuerscheinung auf den beiden Plattformen informiert.

Montag, April 29, 2019

Ketten-Kurzgeschichte, Teil 3



Viel zu sehen gab es im Katen nicht: einen kurzen Tresen, einen Dielenboden, der zwar abgenutzt war, aber überraschend sauber wirkte, zwei Tische in der Mitte des Raums und ein weiterer am Fenster. Das Zentrum des "Heringsschuppens" - so schien laut Speisekarte das „Etablissement“ zu heißen - bildete ein Billardtisch an dem sich gerade drei Jugendliche betätigten.

Billard. Das hatte Özlem seit zwanzig Jahren nicht mehr gespielt. Damals als solche Spelunken noch total verräuchert waren und sie nach spätestens einer halben Stunde Kopfschmerzen bekam.
Kopfschmerzen hatte sie jetzt auch. Sie rieb sich die Schläfen. Inzwischen hatte sie das Foto vom Strand der Person geschickt, die sie auf diesem Planeten am meisten vertraute. Nun starte Özlem auf ihr Smartphone und hoffte, daß sie ausnahmsweise mal eine schnelle eine Antwort bekam. Eine Antwort, die ihr irgendwie weiterhalf, denn momentan fühlte sie sich sehr verloren.

Nach einer halbe Stunde wartete sie immer noch. Eigentlich hatte sie Hunger, aber in diesem Laden wollte sie lieber nichts essen. Die anderen sitzenden Gästen - zwei Opas am Tresen, die sich miteinander unterhielten und einem Mann im Blaumann, der Zeitung las – hielten es ähnlich. So trank Özlem lieber ein Bier. Und dann noch eins und dann ein drittes.

Die Jungs vom Billardtisch hatten versucht, mir ihr zu flirten, was sie eher amüsierte als schmeichelte. Trotzdem war sie auf ihr Angebot eingegangen und spielte nun auch eine Runde Pool. Man hatte sie wohl für ein leichtes Opfer gehalten, aber nach drei, vier Stößen machten die polierten Kugeln das, was Özlem wollte und sie konnte gut mithalten. Zwei der Jungen erzählten die ganze Zeit, während der Dritte, ein langer Kerl mit kindlichem Gesicht, schwieg. Es schien ihm gar nicht recht zu sein, daß Özlem nun mit von der Partie war.

Und obwohl das Spiel anfing Spaß zu machen, drehte sich in Özlems Kopf alles um ihr „Luftschloss“. Ein kreativerer Namen mochte ihr momentan dafür einfallen, obwohl die Erscheinung definitiv das Seltsamste war, was ihr je passiert war. Aber wie schon die Tage zuvor waren ihre Gedanken momentan langsam, träge, leer, verdreht. Wie aus einem Fiebertraum. Aber sie war sich sicher: Dem Bier traf keine Schuld.

Immer wieder überprüfte sie ihr Telefon. Die Jungs machten sich einen Spaß daraus, zu versuchen, ihr über die Schulter zu schauen, wenn sie es überprüfte oder sich noch mal das Bild anzuschauen. Irgendwann steckte Özlem das Gerät genervt in die Tasche ihrer Jacke, die an einem der einzigen zwei Haken an der Wand des Lokals hing.

Als die Jungen aufbrachen, entschied auch sie sich ebenfalls dazu, zu gehen. Sie bezahlte bei der Wirtin, verließt den Heringsschuppen und lief die Straße herunter. Automatisch griff sie in ihre Jackentasche. Aber da war nichts. Sie überprüfte die andere Seite. Auch diese Tasche war leer. Panik überkam sie. Wo war ihr Telefon? Sie rannte zurück.

Als sie an der Kate ankam, war der Laden geschlossen. Sie war doch gerade erst vor zehn, ach, fünf Minuten hier gewesen und nun war niemand mehr da? Sie griff nochmals in die Jackentasche. Diesmal zog sie einen Zettel heraus, den sie vorher nicht bemerkt hatte. Auf ihm stand: „Triff mich um 23:00 Uhr an der alten Post“ Unterzeichnet war die Nachricht mit „Der Kommandant der Fliegende Affen“.

.... die Fortsetzung könnt Ihr hier lesen.