Ich dachte eigentlich, daß solches Gewinner-Verlierer-Denken zumindest seit der Rede von Weizsäcker über das Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1985 vorbei sein sollten.
Aber nein, wir leben leider in Zeiten in denen solch hanebüchener Unsinn gute Verbreitung findet und mich so aufregt, daß ich mich genötigt sehe, ein paar Zeilen ins Internet zu schreiben.
Ich weiß von zwei Urgroßvätern, die im Ersten Weltkrieg gekämpft haben: Emil als Meldegänger vor Verdun, Karl als Maschinengewehrschütze in Flandern. Beide haben sich im November 1918 sicherlich nicht als Sieger gefühlt. Ich mich als direkter Nachfahre aber heute mit 100 Jahren Abstand schon. Und das hat erst einmal den Hintergrund, daß ich mich nicht über meinen Pass definiere. Meine Verbundenheit zu Wilhelm I. ist nicht größer als die zu George V. Und so feiere ich auch nicht den Sedantag und denke „Den Franzosen haben wir es 1870 aber ordentlich gegeben! Und den Römern bei Kalkriese erst!“
Ohne viel Nachdenken fallen mir sofort drei Gründe zum (Mit-)Feier ein, aber ich bin ja auch nicht den ganzen Tag mit Hetze und Revanchismusfantasien beschäftigt:
- Die Einstellung der Kampfhandlungen begrüße ich schon aus dem Grund, weil doch tatsächlich noch genug männliche Bevölkerung übrig geblieben ist, um meine Vorfahren zu zeugen. In meinem Fall ein klares Plus, in dem Fall von dem Gauland .... .
- Die Seite mit den (eher) demokratischen Regierungen hat gewonnen. So konnten sich in Deutschland und Österreich auch Demokratien (zumindest zeitweise) durchsetzen. Wenn der verlorene Krieg vielleicht nicht ursächlich war, so hat er den Demokratisierungsprozess zumindest beschleunigt.
- Der Erste Weltkrieg öffnete die Tür für internationale Institutionen wie den Völkerbund und später auch für die Europäische Union und die Vereinten Nationen. Und so wurden sieben Jahrzehnte mit drei Kriegen zwischen Deutschland und Frankreich von sieben friedliche Jahrzehnte abgelöst.
Darüber hinaus ist es immer gut, ein Zeichen für Aussöhnung, Verbundenheit und Frieden zu setzen. Naja, zumindest in meiner Welt.




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