Dienstag, Januar 19, 2021

Rumgetwitche

Es gibt ja so Phänomene, die an einem vorbei gehen. Bei mir z.B. sind es Meeresfrüchte, Neoliberalismus, Helene Fischer und Neuwagen. Auch der Twitchhype bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehörte bis vor kurzem mit dazu. War "zugucken" bzw. "zugucken müssen" während andere Menschen Arcades (Poly-Play!), Videogeräte und PC bespielen früher™ nicht die Höchststrafe?!

Tatsächlich ändert sich meine Meinung im ausgehenden Jahr 2020 als ich die sehr unterhaltsamen Streams von Scheinprobleme und Monoxyd entdeckte, so daß die Faszination dieses Mediums mittlerweile ein bißchen nachvollziehen kann, fühlt es sich doch etwas danach an als wenn man Hugo anschauen und dabei zeitgleich im ICQ rumhängen würde. (Die Ältere erinnern sich.) 

Na gut, es gibt auch viele Selbstdarsteller*innen etc. pp. aber nach mehreren Jahrzehnten Internetnutzung, weiß ich, wie man den Gefahrenbereich weiträumig umfährt.

Und natürlich interessiert es mich auch, wie das ganze technisch funktionierte. War die Plattform nicht vielleicht ein guter Weg mein Kinderbuch potentiellen Leserinnen und Lesern nahe zu bringen? Von Twitch erhoffte ich mir, daß ich sofort und unmittelbar in Kontakt treten können würde, während ich bei Youtube eher erwartete, daß man sich das Video der Lesung irgendwann später anschauen und die soziale Interaktion dahinter zurückstehen würde. 

Also las ich erstmal generelle Einführungen bei Emport und Netzpiloten und begann sofort mein Nutzerkonto einzurichten. Das war erwartungsgemäß schnell erledigt, obwohl es schon auffällig ist, dass der Zugang stärker gesichert ist als der auf so manches Paypal-Konto. Zum Streamen würde ich das kostenlose OBS Studio nehmen, was einfach einzurichten war. Hardwaretechnisch griff ich einfach auch Kamera und Microphone zurück, welche ich eh noch vom Podcasten bzw. dienstlichen Videokonferenzen rumstehen hatte. 

Kurz nach Weihnachten ging es dann los und ich war sofort begeistert. Nicht nur über das Interesse (in Hochzeiten waren über 30 Menschlein online und auch das Video schauten sich nachher noch einmal rund 100 Personen an), sondern auch wieviele Zuhörer und Zuhörerinnen den Austausch mit mir suchten. Man motivierte mich sogar dazu, nun das ganze Buch - an insgesamt vier verschiedenen Terminen - vorzustellen. 

Auch die zweiten Veranstaltung - bei dem sich das Interesse ungefähr halbiert hatte - war wieder sehr schön. Mittlerweile hatte ich gelernt, einen Countdown einzufügen, damit zwischen Benachrichtigung an registrierte Nutzer*innen und Übertragungsbeginn etwas Zeit lag, allerdings gibt es immer noch einen kleinen Verzögerung zwischen Audio und Video an dem ich immer noch arbeite. (Ich habe den nicht mehr so leistungsstarken Rechner in Verdacht.) 

Eine weitere Neuerung war, daß ich nun den Chat ins Video einband. Grund hierfür ist, daß die Videos aus der History herausaltern, was ich viel zu spät bemerkte. Dies kann man verhindern, indem man diese als Highlight speichert. Das bekam ich allerdings bei der ersten Sendung nicht für die ganze Sendung hin, so daß es (zunächst) verloren ging. Mops sei Dank gibt es aber viele Möglichkeiten, Videos herunterzuladen und das hatte ich getan. Hochladen sollte dann auch nicht so schwer sein, dachte ich zumindest. 

So begann die bisher einzige anstrengende Episode meines Rumgetwitches. Ein Upload ist nämlich nur Affiliate-Nutzern erlaubt und ich hatte bisher genau zwei Streams auf der internen Uhr. Auch nach dem Vorlesen von kleinen Geschichten zu Abendzeit fehlte mir ein weiteres Kriterium zum A-Status: 8 Stunden Stream bei mind. 3 Zuschauer im Schnitt. Was konnte ich tun? Spielen, was eigentlich nicht zum Charakters des Kanals paßte? Gemeinfreie Texte bekannter Autoren lesen obwohl ich eher zur Fraktion passionierter Nuschler gehörte? Ich entschied mich für Option 3: Schummeln. So "übertrug" ich für sechs Stunden einen Stream der nur aus einem Screen mit der Aufschrift "TEST" bestand. Meine Hoffnung war, daß die vorher "gesammelten" Zuschauerzahlen ausreichten, um die geforderten Kriterien trotzdem zu erfüllen. Es klappte!

Nach gelungener Mission mußte ich nur meine (Steuer-)daten hinterlegen, damit die zu erzielenden Millionengewinne auch irgendwann auf meinem Konto eingehen konnten. Und dann erschien er: Der heiß ersehnte "Upload-Button" im Videobereich! Meine Reise hatte sich gelohnt. Nun sind alle Videos wieder verfügbar und bleiben es auch hoffentlich.

Mein Wunsch wäre es Twitch auch außerhalb der Autorenlesungen treu zu bleiben. Etwa durch streamen via iPhone oder durch die geplante Übertragung des Streams von Fifa 96 mit meinem Schwesterherz irgendwann im Frühjahr. Dann allerdings via diesem Account dem ihr gerne auch folgen dürft.

4 Kommentare:

Herr Kowski hat gesagt…

Zum Thema Asynchronität habe ich gerade etwas gelernt. Wenn man das Videobild der Kamera per HDMI einspeist und das Audiosignal separat, dann kommt es in der Regel zu einer Bildverzögerung von vier bis acht Bildern pro Sekunde. Angeblich kann man das bei OBS einstellen. Bei einer Bildrate von 30 soll man das Audiosignal um besagte Bilderzahl nach hinten versetzen, dann sollte es gehen.

r. hat gesagt…

Danke! Ich habe Audio um 350ms zurückgesetzt und das hat geholfen.

Dr. prop. Konfekti hat gesagt…

Danke für den interessanten Beitrag. Twitch kannte ich nur aus dem Playstore, Rubrik "Empfehlungen für Dich". Vielleicht schau ich da tatsächlich mal rein. Selber vor der Kamera rumturnen ist alledings nichts für mich. Aber die ganzen von Dir erwähnten Fachartikel zieh ich mir rein, schon alleine aus Neugier. Beim lesen habe ich jetzt schon wieder die drei denkwürdigen Buchstaben "ICQ" entdeckt. Die tauchen in letzter Zeit nämlich verstärkt im Netz auf. Nachdem ich mich an meine ID noch erinnern kann, habe ich versucht reinzukommen, aber keine Chance. Abgesehen davon, dass als Betreiber mittlerweile irgendeine zwielichtige Firma aus Russland tätig ist, habe ich meine Alternativen längst gefunden und ich muss nicht bei WhatsApp davonlaufen ;-)

r. hat gesagt…

Ich bin auch sehr zufällig auf Twitch gestoßen und es wäre an mir vorbeigegangen (wie Clubhouse oder TikTok), wenn ich keinen Verwendungszweck bzw. guten Content entdeckt hätte.

Und ICQ-Nostalgie ist wohl so eine Altersfrage. Meine etwas jüngere Frau kann damit schon weniger anfangen.