Sonntag, April 14, 2024

Woche 12/2024 - Von Helden und kriminellen Elementen

Von Helden

Es muss das Wintersemester 2002/2003 gewesen sein, als ich, die anstehende Magisterarbeit und die Fahrbahn im Blick, mit dem Personenkraftwagen aus Richtung Süden kommend, irgendwo im Berliner Umland einen der Hauptstadtsender ins Radio bekam.

Eine enthusiastische Radiomoderatorin - oder auch Moderator, so gut ist mein Gedächtnis nun wirklich nicht - erzählte, dass diese "Guten Tag" die nigelnagelneue Single einer noch unbekannten Nachwuchsband sei und legte sie gleich noch ein zweites Mal auf. Und wenige Minuten später dann tatsächlich noch ein drittes Mal. Verrückt. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Und so blieb mir das Ereignis bis heute in Erinnerung.

Irgendwann wurde "Reklamation" von "Wir sind Helden" gekauft, denn coole, deutschsprachige Popmusik war ja schon immer eine Ausnahme. Ein richtiger Fan - im Sinne von: Wenn sie in der Nähe sind, müssen wir wirklich Karten kaufen! - war ich dann mit dem zweiten Album "Von hier an blind", das in seiner Gänze bis heute zu meiner ganz persönlichen, nie angefochtenen Top 5 gehört. Album drei mochte ich auch noch, bei Nummer 4 fehlte mir dann die Unbeschwertheit - trotz auch da aller vorhandenen Kontraste - der ersten Erscheinungen.

Trotzdem wurde mir ganz schwer ums Herz, als die Band ihre - als Langzeitpause verklausulierte - Trennung verkündete.

In meinem Weltschmerz legte ich die Musik weiterhin gerne auf - meine Lieblingsnichtmuttersprachlerin wurde dadurch fast ein größerer Fan als ich - und schaute das eine oder andere alte Musikvideo oder das schon fast legendäre "Durch die Nacht mit... Judith Holofernes und Lewis Trondheim".

Im letzten Jahr erschien "Die Träume anderer Leute*", die autobiographische Erzählung der Frontfrau über die letzten Jahre in der Band - als Mutter zweier kleiner Kinder - und die sehr aufreibenden Jahre danach. Meine Liebste verschlang das Buch und war hellauf begeistert, ich quälte mich eher hindurch. Nicht weil es schlecht geschrieben war, sondern weil es so schonungslos, so persönlich, eine solch tiefgreifende Selbstanalyse war, dass es für jemanden wie mich, der praktisch veranlagt ist und oft in "Möglichkeiten" und wenig in "Optimalzuständen und Träumen" denkt, stellenweise sehr schwer zu ertragen war. Trotzdem war und ist es eine Bereicherung und gerne habe ich das Buch mehrmals verschenkt. Ähnlich wie die Autobiographie von Michael Caine zeigt der Band sehr gut, was für ein Kampf auch ein sehr erfolgreiches Künstlerleben ist. Dinge, die sich oft auch auf die eher generisches Existenz von uns Angestellten übertragen lassen: Wo beginnen wir mit der Aufgabe unserer Ideale und Ziele? Sind Kompromisse Verrat? Wenn ja, wo? Im Leben generell? In Beziehungen? Im Künstlerischen?

Ich bin mir sicher, Judith Holofernes' künstlerischer Weg wird weiterhin - in seiner ganzen Verschlungenheit - ein absolut geradliniger sein. Momentan schreibt sie viel, wie man bei Patreon verfolgen kann, aber ihr famoses zweites Soloalbum "Ich bin das Chaos*", eine Zusammenarbeit mit Teitur lässt mich irgendwann auf einen Nachfolger hoffen. Auch oder gerade weil dieser dann wieder genug Reibungsfläche bieten wird und ich mich erst einmal ein halbes Jahr frage "Was mag ich davon und warum?".

"Die Träume anderer Leute" ist - zumindest für mich - keine einfache Unterhaltung, aber ein Buch, über das ich oft und lange nachgedacht habe, viele Gespräche mit der Liebsten geführt habe und über das Leben (und wohl auch mich selbst) gelernt habe.

Und kriminellen Elementen

Nahezu zeitgleich zu dem Buch von Judith Holofernes "arbeitete" ich mich durch den ganz einzigartigen Podcast "Narzissen und Kakteen" von "Element of Crime". Obwohl Leadsänger Sven Regener zu meinen absoluten Lieblingsautoren gehört, war mir die Musik seiner bereits seit den 1980er Jahren bestehenden Band eher als Begleit- - um nicht zu sagen Rausschmeißmusik - diverser WG-Parties bekannt. Im heimischen Plattenregal befindet sich tatsächlich nur "Mittelpunkt der Welt*" mit dem von mir heiß und innig geliebten "Wenn der Winter kommt".

In je einer Folge des Podcasts erzählen die drei Kernmitglieder die Begleitumstände der Entstehung jedes der 15+ Alben der Band, immer in sehr angenehmen, entspannten Plauderton. Man lernt, wie die Band sich langsam ein immer größeres Publikum "erspielte", bis man künstlerisch "ankam" und tatsächlich von seiner Musik leben konnte. Ähnlich wie bei Judiths Buch schält man so manche Schicht vom glamourösen Rock'n'Roll-Image ab, bis man sehr Persönliches erfährt.

Zeitgleich nahm ich den Podcast zum Anlass, mal das komplette Oeuvre der Band durchzuhören und mir ein kleines, aber feines Best-of, in Form einer Spotify-Playlist, zusammenzubasteln. Anscheinend mag ich die langsamen, nostalgischen Stücke am Liebsten. Na was für eine Überraschung! "Element of Crime" ist trotzdem keine Lieblingsband geworden, aber ich habe den Podcast sehr genossen, werde trotzdem die Musik häufiger auflegen und sicherlich nun auch mal das Gesamtwerk anderer Künstler und Bands gezielt durchhören. Wenn ich es schaffe, werdet ihr hier davon lesen.

1 Kommentar:

Stepnwolf hat gesagt…

Ich mochte und mag die Judith sehr. Ihre Texte, ob in Liedform oder auch in ihrem Buch sind immer ehrlich, manchmal etwas metaphorisch sich windend, aber stets sympathisch persönlich. Von Element of Crime kenne ich tatsächlich nur ein Bruchteil der Diskografie, oft nur einzelne Lieder. Aber immerhin kann ich sagen, dass ich Regener und Co. live gesehen habe. So wie auch Judith Holofernes. :-)