Ich erzähle gerne, wie ich 1995 als Austauschschüler in Idaho von meiner Gastmutter gefragt wurde, ob ich eine E-Mail schreiben möchte. Ich antwortete mit einem begeisterten "Ja!", bevor mir einfiel, daß ich niemanden kannte, der eine E-Mail-Adresse hatte.
Das Erlebnis ist schon etwas symptomatisch für meine Teenagerjahre: Die Präsenz des Internets machte sich in der nordostdeutschen Provinz erst ganz langsam bemerkbar. Die einzigen Fenster in die weite Welt waren für den pupertären Herrn R. das Fernsehen und der örtliche Zeitschriften- bzw. Buchhändler. Was dort nicht stattfand, existierte quasi nicht. Selbst die Cinema - die ich gern von der ersten bis zur letzten Seite las - war oft genug ausverkauft. Daneben gab es einmal ein Jahr ein Comicbuch und vielleicht mal ne Programmzeitschrift mit einem Raumschiff auf dem Cover.
Über Baseballergebnisse informierte ich mich über Videotext und freute mich, wenn einmal die Woche bei NBC eine Spiel lief, das ich - unabhängig von den präferierten Mannschaften - auf eine VHS bannte.
Als meine Schwester ihr Studium anfing, überließ sie mir gelegentlich ihren Studentenausweis, so konnte ich meine ersten Gehversuche im WWW machen. Eine Internetcafe hatte unsere Großstadt damals noch nicht.
Ich war sofort hin und weg von dem freundlichen Ort namens Internet. Egal wie weit man voneinander weg wohnte und egal was man mochte, hier fand man Gleichgesinnte. Man loggte sich in Foren ein, erstellte Webseiten bei Geocities oder schrieb sich sehr lange E-Mails.
Warum mir das gerade jetzt wieder einfällt?
Letztes Jahr unterstütze ich die
Kickstarter-Kampagne von Openbook, eine open-source Alternative zu anderen Social Media Plattformen. Seit Sonntag gehöre ich zu den Testern der Alpha und momentan ist die Community noch so klein und freundlich, daß ich sofort ein 90er Jahre Flashback hatte.
Openbook ist irgendwas zwischen G+, Reddit und facebook. Total werbefrei und ohne störende Algorithmen kann man einerseits in seine Profiltimeline/Circle posten, andererseits auch in Communities. Der bekannte Effekt von neuen Plattformen, daß man also erst mal den bekannten Nasen folgt und sich dann langweilt, entfällt hier.
Wird Openbook der nächste, große Sch*iß? Ich bezweifele es, aber wenn die Community auf ein für die Betreiber wirtschaftlich rentables Niveau wächst, reicht es meiner Meinung nach auch. Wenige, aktive Mitglieder sind mir lieber als Facebook, wo die Nachbarin meiner Schwiegermutter gerne mit mir befreundend sein möchte, sie aber nie etwas postet und ich nie etwas mit ihr teilen möchte. Ich möchte nicht nur passiv lesen, sondern interessante Tipps - Bücher, Artikel, Musik, Filme etc. - von anderen erhalten und mich mit ihnen darüber austauschen...
Momentan ist Openbook ein Riesenspaß für mich. Ich wünschte, es würde so bleiben.