Was kann ein in die Jahre gekommener "Casual Gamer" Neues über einen Branchenprimus sagen, der schon x-mal von Profis rezensiert wurde? Nicht so richtig viel, aber vielleicht gibt es für die geneigte Leserschaft doch das eine oder andere interessante Details, daß sich aus meiner Spielerhistorie ergibt.
Mein erstes Fifa spielte ich 1996 auf dem PC, aber nicht als Vollversion, sondern als das berühmt-berüchtigte Brasilien gegen Italien-Demo bei dem man eine Halbzeit gegeneinander zocken durfte. Im Jahr darauf kaufte ich dann den Vollpreistitel zusammen mit einem eigenen EA-Sports Controller-Set, welches man über die parallele Schnittstelle des PCs andrösel mußte, denn USB war gerade erst frisch erfunden.
In der darauffolgende Dekade zockte ich jedes Jahr den neusten Titel bis ich eine genauso lange Pause einlegte. Mit Fifa 21 habe ich also nach langer, langer Zeit erstmals wieder mein Lieblingsfußballliveactionspiel vor mir. (Diese Einschränkung muß sein, denn es gibt ja auch noch das eher simulatorische Hattrick und Anstoss.)
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Mein Lieblingsbug im Spiel: Ein mit Rot vom Platz gestellter Spieler - hier Luka Modrić, der Gruselgrätscher aus Zadar - ist immer noch auf dem Feld sichtbar und wird sogar in Manndeckung genommen, während später jeder Ball durch ihn durchrollt und er unbeweglich dasteht wie Mario Gomez, der auf eine Torchance wartet.
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Mein erstes Fazit: Fifa ist immer noch Fifa. Der Spielfluß stimmt, die Einstellungsmöglichkeiten, Spieler und Mannschaften sind mannigfaltig. Einen Sprung in Gameplay und Darstellung konnte ich nicht feststellen. Aber mit dem Taschengeldgrab FUT, wo man für erspielte oder erkaufte Coins anhand von Sammelkarten Spieler freischaltet, gibt es einen Spielmodus, den ich noch nicht kannte. Aber wie gesagt, der alte Mann war ja schon eine Weile weg. Kein Wunder, daß ich nach einer kurzen Testphase dem Onlinemodus lieber meide, da mich mittlerweile jeder 12Jährige auf dem virtuellen Kanalsdeckel naß macht. Im Gameplay legen die Fifa-Entwickler meiner Meinung nach viel zu viel Wert auf Dribblings und Ballbesitz, ein Fetisch den wir wohl der "Generation Tuchel" verdanken. Trotzdem macht das Spiel viel Spaß und meine Kritikpunkte sind eher Kleinigkeiten:
- Die Kommentare sind gelegentlich immer noch sehr unpassend und wiederholen sich häufig. Statistik und situationsbedingte Kommentare ("Heute haben wir ein Nord-/Süd-Ostderby.", "Erleben sie den aktuellen Torschützenkönig in Aktion." o.ä. fehlen mir.)
- Leider fehlt auf der Switch die Möglichkeit Videos aus dem Spiel zu speichern oder sogar zu exportieren.
- Bälle werden im Strafraum viel zu häufig geblockt. Feldspieler bleiben zu oft liegen, während Torhüter sich erheben wie Springfiguren.
- Die Gesichteranimationen amüsieren hier und da, etwa wenn Marco Reus schon mal aussieht wie Simon Pegg.
- In Sachen Animation des Publikums hat sich - bis auf die Auflösung vielleicht - seit einer Dekade nichts getan.
- Ich hätte gern wieder Halbzeitlängen von 2min, den ich habe nicht immer viel Zeit.
Besonders positiv aufgefallen ist mir, daß die "Zeit des Zirkuses" in Fifa vorbei ist, d.h. es gibt keinen Fokus mehr auf Hundertausend individueller Tricks der "Superstars", obwohl gerade beim Fußball ersichtlich ist, wie sehr sich in der Vermarktung und Wahrnehmung von Mannschaftssportarten der Schwerpunkt von Vereinen auf Individuen verschoben hat. Auch die Möglichkeit sich die Titel des berühmten Fifa-Soundtracks seperat in einem integrierten Player anzuhören, finde ich großartig, auch wenn mein heutiger Musikgeschmack nicht mehr unbedingt kompatibel ist.
Kurzum: Ich hatte trotz megadurchgestylten Marketingprodukt Fifa 21 viel Spaß mit dem Titel und es besteht die Gefahr, daß ich mir am Ende des Jahres auch den Nachfolger gönnen werde.