Mittwoch, September 25, 2024

Woche 38/2024 - Buchemessenachgedanken

Vor 18 Stunden stand ich noch in der Halle der Arena Berlin und hielt den einen oder anderen netten Plausch über Bücher, die Ostsee und die Preise von Frittierkartoffeln.

Nun sitze ich wieder an meinem Schreibtisch und nutze den erwerbsarbeitsfreien Montag, um mich nicht nur um Wäsche und kaputte Mischbatterien zu kümmern, sondern auch, um all die Eindrücke von meinem ersten Buchmessenbesuch als Autor mit eigenem Stand zu sortieren.

Die BuchBerlin zählt rund 300 Aussteller aus der Indie- und Selbstpublisher-Szene, was sie zu einer der größten Veranstaltungen dieser Art im Land macht.

Ich hatte einen Tisch für unseren Kleinverlag gebucht, und sowohl die Anmeldung als auch der restliche Administrationskram verliefen relativ unkompliziert. Allerdings hatten die Veranstalter im Vorfeld wohl ein paar Probleme mit dem Messebau, sodass es keine gewohnten Messestände gab. Stattdessen standen uns beispielsweise riesige Pinnwände zur Verfügung. Meine Befürchtung, die gesamte Veranstaltung würde dadurch das Flair eines Flohmarkts bekommen, bestätigte sich jedoch nicht. Auch die restliche Logistik war zufriedenstellend professionell: Die Regelungen und Wege zum Auf- und Abbau, die Toiletten- und Verpflegungssituation sowie die Beschilderungen waren gut organisiert.


Mein Stand befand sich in der Kinderbuchecke im Gang E, und ich hatte sehr nette Nachbarn, mit denen ich gerne ins Gespräch kam und Snacks tauschte. Die erwähnten Pinnwände erwiesen sich plötzlich sogar als Vorteil, denn sie machten die Dekoration der Stände deutlich einfacher. Dennoch war das Stressniveau hoch, bevor sich am Samstag um 10:00 Uhr die Tore öffneten. In den nächsten zwei Stunden strömten die meisten Besucher*innen des gesamten Wochenendes durch die Messe, und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch keine erprobte Strategie für die "Kundenansprache" hatte. Das Interesse an dem eher kleinen Angebot an Kinder- und Jugendliteratur war tatsächlich das ganze Wochenende über gering, was wohl eindeutig an der Zielgruppe lag. Diese war überwiegend weiblich und meist (noch) kinderlos. Der relativ hohe Eintrittspreis von 10 EUR (bzw. 8 EUR für Kinder ab 6 Jahren) war für viele Familien wahrscheinlich nicht zu stemmen, zumal es kein explizites Familienprogramm gab und selbst die Pommes mit 4,50 EUR pro Portion alles andere als günstig waren.

Am Samstag führte ich mit jedem Besucher, der an meinen Stand kam, ein Gespräch. Doch am Abend wurde mir klar, dass ich meine Strategie für den nächsten Tag definitiv anpassen musste, denn gerade am Nachmittag war in unserem Gang nicht mehr viel los, und der Ausflug in die Hauptstadt sollte sich bei den Investitionen in Standgebühren, Benzin und Unterkunft schon zumindest ein bisschen ökonomisch lohnen. Meine Strategie für den zweiten Tag sah dann so aus:

Ich entfernte alle Preisschilder. Da eine Buchmesse kein Supermarkt ist, verschreckten die Zettel die Kundschaft eher, als dass sie informierten. Leseproben gab ich nur noch heraus, wenn klar war, dass es zu keinem Kauf am selben Tag kommen würde, bzw. gab ich diese an Kinder in der Zielgruppe, die sonst an meinem Stand vorbeigelaufen wären. Ich bewarb ganz gezielt nur ein einzelnes Buch. Schon die Aufmerksamkeitsspanne der Kundschaft auf einen einzelnen Artikel zu lenken, war schwierig genug, und das Gesamtportfolio des Verlags war zu klein, um es als Ganzes zu bewerben.

Mit dieser neuen Strategie fühlte ich mich an Tag 2 deutlich wohler, auch wenn die großen Menschenmassen in unserer Kinderbuchecke weiterhin ausblieben. Beruhigend war jedoch, dass auch die deutlich besser vernetzten Kolleg*innen sowie die "Staubsaugervertreter" gegenüber – ein Team aus drei Leuten, die in aggressiver Manier versuchten, ein "Leselernbuch" zu verkaufen – nicht viel mehr Erfolg hatten als ich. Ein seltsamer Moment entstand, als ein deutscher D-Promi mit Kamerateam bei uns auftauchte, obwohl er nicht wirklich Interesse an Büchern zu haben schien. (Ich hoffe, das kurze Video von mir auf seinem Handy wird nie das Gerät verlassen.)

Und dann waren die zwei Tage auch schon wieder vorbei. Rein finanziell war mein Berlinausflug kein Plusgeschäft, aber so war er auch nicht angelegt. Der Austausch mit Gästen und Kolleg*innen war einfach großartig und herzerwärmend. Die Strategie des zweiten Tages war gut, und meinen Standaufbau würde ich jederzeit wieder genauso gestalten. Allerdings dann lieber bei einer reinen Sci-Fi- oder Kinderbuchmesse, oder an einem Ort, von dem ich am selben Tag an- und abreisen kann.

Mein Fazit: Es waren zwei grandiose Messetage und ich habe lange nicht mehr so viel gelernt, wie in diesen 48 Stunden.

Samstag, September 14, 2024

Woche 37/2024 - Mit Buchmessevorbereitungen, persönliche Begleiter und eigener Schriftart (Fontself)

Eigentlich wollte ich den Urlaub auch dafür nutzen, die größere Lücke im Tagebuch zu schließen. Das war wieder einmal eine Idee, die so richtig gut aufgegangen ist.

Ein anderes Projekt, für das ich momentan mehr Zeit aufwende als ursprünglich geplant, ist meine erste Buchmessenteilnahme. Meine Ambitionen sind nicht furchtbar groß (erstens: Spaß haben und zweitens: bei der Leserschaft nicht den schlechtesten aller Eindrücke zu hinterlassen), aber die Liste an Dingen, die es in der Vorbereitung zu tun gilt, wird immer länger:

  • Unterkunft buchen,
  • Parkplatz besorgen,
  • schwer entflammbare Tischdeko inkl. Zertifikat bestellen,
  • Merch aussuchen und verstauen,
  • Preisgestaltung der Fanpakete durchdenken (ich möchte ungern mit Centbeträgen hantieren),
  • Kasse, Quittungsblock, Bestellformulare, Namensschild einpacken,
  • Werbemaßnahmen auf Social Media planen und umsetzen usw. usf.

Aber es geht voran. Dank der kompetenten Beratung von Miss Megaphon und Cloud & Gut gibt es u.a. erstmalig langhenkelige Stoffbeutel für alle Verrückten, die kiloweise Material von der Messe tragen wollen.


Für alle Besuchenden, die ganz allein durch die Halle wandern, habe ich mir etwas Besonderes einfallen lassen. Wer an meinem Stand auftaucht und das Codewort „Wegbegleitung“ sagt, bekommt genau diese für den Messebesuch.

Auf A6 großen Karten gibt es individuelle Charaktere, die man dann vom Stand mitnehmen kann. Da finden sich u.a. Pyx, Selma Maria Wunsiedel, Wlug und Hono, der Zirkelzwerg.


Einiges aus ihren Steckbriefen ist bekannt, manchmal etwa das Lieblingsbuch, anderes („begeistert sich für“ oder „würde gern mal“) darf man nach langen Gesprächen mit der Wegbegleitung selbst ausfüllen.

Und natürlich würde ich mich riesig freuen, wenn man die ausgefüllte - und eventuell sogar kolorierte - Karte anschließend auf Social Media teilt, aber das ist natürlich kein Muss.



Ein schöner Nebeneffekt war, dass ich für die Karten ein eigene Font, basierend auf meiner Handschrift, entwickelt habe. Schon vor 20/25 Jahren gab es Software für solche Projekte, aber mit iPad und Stift ist es um einiges komfortabler, auch wenn die App hier und da noch etwas intuitiver sein könnte. Trotzdem waren die investierten 20€ für Fontself jeden Cent wert.



P.S. Ich habe gerade eine Nachricht vom Veranstalter gelesen: Es gibt Probleme beim Messebau, daher wird es keine Trennwände, sondern Pinwände geben... Puh, das wirkt nicht besonders professionell, vor allem für jemanden, der das seit 10 Jahren macht. Ich hoffe, dass der ganze Event dadurch nicht den Charme eines Flohmarkts bekommt.

Sonntag, August 25, 2024

Woche 26/2024 - Ryszard Kapuścińskis "König der Könige" & Professor Andersens Nacht

Ich habe ein offenes Ohr für Hör- und Lesehinweise von Menschen, die ich sehr schätze, und unterliege dabei des Öfteren folgender Fehleinschätzung: 'Wenn Leute, die man toll findet, etwas empfehlen, dann gefällt mir das sicherlich auch.'

Bei Christine Westermann, Elke Heidenreich und Flix bin ich diesbezüglich schon mehrfach auf die Nase gefallen, aber ich kann jetzt nicht garantieren, dass (1) ich aus diesen Fällen lerne und (2) das meine Liebe und Wertschätzung in irgendeiner Art beeinflusst. 

Gelesen

Für den ersten, ausführlichen Strandtag des Jahres hatte ich mir "Professor Andersens Nacht" von Dag Solstad aus dem Bücherregal gegriffen. Der Roman oxidierte schon deutlich über ein Jahrzehnt ungelesen vor sich hin, sodass ich gar keine Erinnerung mehr daran hatte, wie er dort genau hingekommen war. Innerhalb eines Nachmittags hatte ich das Bändchen dann durch. Das war äußerst positiv, denn meinen Geschmack traf er so gar nicht.

Der alleinlebende, namensgebende Professor Andersen beobachtet in der Weihnachtsnacht einen mutmaßlichen Mord, und was dann passiert, hätte auch für eine Kurzgeschichte gereicht. Der Plot war überschaubar, die Pointe mau, und dazwischen viel hochtrabendes, wenig berührendes Zeug. Wahrscheinlich bin ich nicht distinguiert genug für diese Art Lesestoff.

Gehört

Seit Jahren versuchte ich, in diversen Online-Antiquariaten die preisgekrönte "Parabel der Macht" (ausgezeichnet mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2003) zu einem vernünftigen Preis zu erbeuten. Teilweise wurde Ryszard Kapuścińskis "König der Könige"* für einen dreistelligen Betrag gehandelt. Es handelt sich, wie gesagt, um keinen seltenen, vorzüglich mundenden Rotwein, sondern um eine zwei Jahrzehnte alte Doppel-CD. In diesem Sommer wurde ich endlich fündig, und leider hielt auch in diesem Fall meine Erwartung dem Hörerlebnis nicht stand. Die Idee, das Leben am Hofe von Äthiopiens letztem Kaiser Haile Selassie anhand von unzähligen Interviews mit ehemaligen Hofdienern und Bediensteten nachzuzeichnen, ist eine hervorragende Anfangsidee, aber mir persönlich fehlten Fakten zur "Unterfütterung" all der Zeitzeugenberichte. Das Ganze war mir also zu "literarisch", während ich mein Hirn gerne mit etwas Wissen gefüllt hätte. Zudem ist die ganze Produktion mit ihren dominanten Soundeffekten nicht wirklich gut gealtert.