Der medialen Berichterstattung zum 50. Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung im Juli 1969 kann man momentan kaum entkommen. (So ein erdnaher Himmelskörper ohne Donald Trump, Boris Johnson und Michael Wendler hat halt trotz fehlender Vegetation und atembare Atmosphäre eine gewisse Attraktivität.)
Besonders erwähnen möchte hier im deutschsprachigen Bereich nur die tollen Tweets von
DLR_next, die Doku "
Die Eroberung des Mondes" auf Arte und ein ausführliches
Dossier vom Deutschlandfunk.
Das große Interesse an diesem Thema zeigt, welch' einschneidendes Erlebnis die erste Reise zum Erdrabanten für viele Zeitgenossen war, wie man z.B. auch dem Artikel "
Der Fernseher lief 28 Stunden durch" auf ZEIT.de entnehmen kann. (Der Beitrag unserer Generation zum technischen Fortschritt beschränkt sich momentan noch auf Instagram und den Thermomix.)
Auch
der MDR widmete dem Jubiläum einen kleinen Artikel, denn natürlich wurde die Mondlandung in der DDR anders bewertet als in Westeuropa. Anlaß genug für mich, mir mal die Presseberichterstattung in der DDR über das Ereignis des Jahres 1969 anzuschauen. Dies kann natürlich nicht auf dem Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit erfolgen, ein Blick in die Originalquellen
Neues Deutschland,
Berliner Zeitung und
Neue Zeit, bereitgestellt von der
Staatsbibliothek zu Berlin, erlaubt aber einen ersten Eindruck, den die Fachkollegen gern falsifizieren dürfen.
Die Mondlandung - nach dem Start des Sputnik und dem Flug von Jury Gagarin der dritte, frühe Höhepunkt des jungen Weltraumzeitalters - findet in allen drei Zeitung an prominenter Stelle statt: Auf den Titelseiten am 21. bzw. 22. Juli 1969 - die Neue Zeit erschien am Montag nicht - wurde über das Ereignis berichtet. ND und BZ vermelden in Überschrift und Artikel nüchtern und fast wortgleich: "Apollo-Mondfähre auf Erdtrabanten gelandet" (ND) bzw, "Mit Apollo-Fähre auf dem Mond gelandet" (BZ). In der "Neuen Zeit" heißt es am nächsten Tag etwas euphorischer "Erste Menschen auf dem Mond".
Im direkten zeitlichen Kontext findet in der Berichterstattung zur Mondlandung keine Herabsetzung oder Relativierung der Leistungen der NASA statt, wie man vielleicht in Hochzeiten des Kalten Krieges vermuten mag. Allerdings wird die Platzierung des Themas an zweiter Stelle, nach dem 25. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik Polen, der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedeutung des Ereignisses nicht gerecht. Gerade auch im Vergleich zur Berichterstattung zum Flug von Juri Gagarin acht Jahre zuvor.
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1961 war für die Leistungen der sowjetischen Ingenieure die Titelseiten reserviert worden. Zudem fanden sich zahlreiche propagandistische Slogans wie "Triumph im Weltraum - Sieg des Kommunismus" darauf.
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Auffällig bei der Berichterstattung über Apollo 11 ist auch, daß im Gegenzug und teilweise prominenter positioniert, auch über
Luna 15 berichtet wurde.
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| BZ vom 21.07.69, Seite 1. |
Im Vorfeld der Landung wurden noch sehr unterschiedliche Töne angeschlagen. Im Mai hieß es in der Neuen Zeit (Ausgabe vom 28.05.69, Seite 1ff) über die Vorgängermission Apollo 10 sehr positiv:
„Der erfolgreiche Flug des bemannten amerikanischen Raumschiffs "Apollo 10" auf der Trasse Erde - Mond - Erde ist ein großes Ereignis in der Geschichte der Raumfahrt." Das erklärte der bekannte sowjetische Spezialist auf dem Gebiet der kosmischen Biologie Akademiemitglied Wassili Parin. Der Flug habe insbesondere die Zuverlässigkeit der Lebenssicherungssysteme bei bemannten Flügen von der Erde zum Mond und zurück demonstriert.
„Ich hoffe, daß die kosmische Biologie bei der Auswertung der Daten des ganzen Fluges viele Aufschlüsse erhalten wird. Mich persönlich hat der Mut der amerikanischen Kosmonauten tief beeindruckt, die sogar schwierige Situationen mit Humor meisterten. Beeindruckend ist auch die Präzision, mit der alle Manöver ausgeführt wurden, die zur Durchführung dieses komplizierten Experiments notwendig waren", sagte Parin."
Im Neuen Deutschland vom 20. Juli 1969 hatte auf Seite 2 hingegen eine Relativierung der Leistungen der NASA-Ingenieure stattgefunden, indem man die besondere Rolle von
Juri Kondratjuk und seiner Grundlagenforschung unterstrich.
Allerdings war der Ton zehn Jahre zuvor noch viel, viel schärfer, wie die zwei nachfolgenden Beispiele zeigen:
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| Berliner Zeitung, 15.09.59, Seite 2. |
"Mit Hysterie und Propaganda suchen die USA ihren Weg in den Weltraum. Die echten, dauerhaften Leistungen aber sind unbestritten bei denen, die. ungestört und unbeschwert durch solche Erscheinungen, am Fortschritt der Wissenschaft und damit am Fortschritt der Menschheit arbeiten können, die ständig neue ökonomische und wissenschaftliche Taten vollbringen, die Taten und Zeugnisse des Sozialismus sind, weil nur dieser die Basis für wahrhaft schöpferische Arbeit gibt. Wir dürfen stolz darauf sein, mit zu den Erbauern dieser neuen Welt zu gehören." - Neue Zeit, 14.10.58, Seite 1.
1969 war dann der Kommentar zum eigentlichen Ereignis nüchtern verfaßt und hätte auch aus einer westdeutschen Publikation stammen können:
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| Neue Zeit, 22.07.69, Seite 2. |
Erst in den Folgetagen kehrten die Zeitungen der DDR vermehrt zu propagandistischeren Tönen - etwa mit Schlagzeilen wie "
Mondlandung kann inhumane Politik nicht verdecken", ND, 24.07.69, Seite 2 und "
Krisengeschüttelte USA brauchten den Erfolg", ND vom 23.07.69, S.2 - zurück.