Mittwoch, Juli 22, 2026

Woche 27/2026 - Wie "cringe" ist es, wenn ich "Bist Du nicht ganz acker?!" sage? - Über Jugendsprache

„Papa, sag nicht immer ‚Butterbrotbüchse‘!“, beschwert sich meine Tochter. „Was ist denn das überhaupt für ein Wort? Kommt das noch aus den Siebzigern?!“

Unrecht hat die zeternde Zehnjährige nicht. Wahrscheinlich hat es sich, wie „Kaufhalle“ auch, längst überlebt. Wahrscheinlich habe ich von meinen Eltern nicht nur die Aussprache der Wörter „ölf“ und „Kürche“ übernommen.

Also sprechen das Kind und ich plötzlich über Jugendsprache. Über „cringe“, „das crazy“ und andere Begriffe, die hier im Haushalt mittlerweile tatsächlich öfter zu hören sind. Währenddessen krame ich in meinem Hirn nach den Dingen, die wir in den 1980er- und 1990er-Jahren als Kinder und Jugendliche so sagten. "Urst" fällt mir da relativ schnell ein. Da mein Gedächnis allerdings endlich ist, stöbere ich schnell in Fachliteratur herum und stoße auf das „Kleine Wörterbuch der Jugendsprache“ von Margot Heinemann aus dem Jahr 1989, das noch in der DDR erschien.


Eher regional geprägte Ausdrücke wie das rhetorische „Bist du nicht ganz acker?!“ und das damals unvermeidliche "hoschig" finde ich darin nicht. Dafür einiges, das bei mir noch immer im Sprachschatz festsitzt, etwa die Adjektive „a*schlos“ und „übelst“. „Das fetzt ja!“ hingegen habe ich seit Jahrzehnten weder gesagt noch gehört.

Ich denk', mein Hamster bohnert!“ ist heute ebenfalls eher erklärungsbedürftig. Früher musste man im Schulhaus noch einmal pro Woche aufpassen, dass man sich nach dem Bohnern nicht die „Gräten“ brach. Heute ist man froh, wenn dort überhaupt mal gefegt wird … Ein bisschen kulturpessimistische Jammerei muss bei dem Thema "Moderne Zeiten" schließlich auch sein.

Dann stoße ich beim Lesen auf den Begriff „Buschplahudi“, den ich noch nie gehört habe. Soooo groß war die DDR doch gar nicht, dass man das nicht hätte mitbekommen können. Oder?! Auch im Internet finde ich dazu nichts beziehungsweise nur Rückverweise auf jenes Wörterbuch



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Vielleicht müsste ich Simon Meier-Vieracker einmal beknien, sich des Falls anzunehmen. Apropos: Sein Buch Sprache ist, was du draus machst!* möchte ich an dieser Stelle sehr empfehlen.

Während unser aller Fußballlinguist höchst spannend über Simsen, Posten, Gendern, Fluchen und anderen gegenwärtigen Sprachgebrauch berichtet, erläutert er quasi nebenbei zentrale sprachwissenschaftliche Konzepte. Zudem behandelt er den Unterschied zwischen sprachlichen Regeln und dem tatsächlichen Sprachgebrauch, die regionale und soziale Variation des Deutschen sowie den stetigen Sprachwandel.

      


Anhand alltäglicher Beispiele zeigt er, wie Linguist*innen mit großen Sammlungen echter Sprachdaten – sogenannten Korpora – arbeiten, um Dialekte, neue Wörter oder typische Formulierungen zu untersuchen. Ziemlich er- und einleuchtend fand ich die Beispiele dafür, wie aus vermeintlichen „Fehlern“ irgendwann regelhafte Standardsprache wird. Sie müssen sich eben nur weit genug verbreiten und oft genug wiederholt werden.

Ui, jetzt habe ich das Internet fast vollgeschrieben. Schluß für heute.

Ich meine natürlich: „Ich mach jetzt lieber mal die Flocke!

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